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JUTTA BOHSE

Der Spaßfaktor fehlt

Die Sommerferien sind vorbei. Eine Woche Unterricht haben die Schulkinder

schon wieder abgesessen. Im Bus sitzen zwei etwa 13-Jährige,

ihre Gesichter vom Schminktisch der Mutter auf 18 getrimmt, mir gegenüber.

Sie geben Urteile über Mitschüler und Lehrkörper ab. „Ach weißt

du, die Schule gibt mir nichts“, sagt die eine, „Ja ja, der Spaßfaktor

fehlt“, die andere.

Da fiel mit wieder ein, unter welchen Bedingungen wir in der Großstadt

und auch anderswo nach dem Krieg 1945 bis zum Abitur gelernt haben.

Viele Schulen lagen in Schutt und Asche, einige dienten als Unterkunft

für Flüchtlinge. Unsere moderne Schule, eine höhere Mädchenschule,

wurde während der letzten Kriegsjahre zu einem Lazarett umgebaut. Wir

wurden damals in einer Jungenschule untergebracht. Aus Raumgründen

bedeutete das öfters Nachmittagsunterricht und einen längeren Schulweg.

Da wir oft auch schon tagsüber Fliegeralarm hatten, durften die

Radfahrenden aus der näheren Umgebung bei Voralarm nach Hause

radeln, während die anderen im Luftschutzkeller der Schule bleiben mussten.

Nach Kriegsende bekamen wir unsere Schule zurück. Drei Monate

Umbauarbeiten unterstützten wir Mädchen mit. Regelmäßig und freiwillig

übernahmen wir Putz- und Säuberungsaufträge, damit termingerecht

– heute ein Fremdwort – Anfang September der Unterricht wieder

beginnen konnte. Uns knurrte oft der Magen, aber die Freude auf den

Neuanfang hielt uns aufrecht. Das war unser Spaßfaktor!

Mit Neulehrern, die oftmals erst an unserer Universität in Leipzig die

Grundlagen der Pädagogik und das erforderliche Wissen für ihr gewähltes

Unterrichtsfach gelehrt bekamen, begannen wir zu lernen.

Zu Beginn des Winters trat die erste große Pause ein. Unser Schulgebäude

konnte noch nicht beheizt werden. So mussten wir täglich in die

Innenstadt in eine beheizbare Schule fahren, die außer uns noch zwei

andere Schulen beherbergen musste. Kein Spaß, in den überfüllten und

unregelmäßig fahrenden Straßenbahnen unterwegs zu sein. Außerdem

hatten wir in drei Schichten so genannten Kurzunterricht. Das sah so

aus, dass wir überwiegend Kurzvermittlung von gefordertem Wissen

bekamen, das Übrige waren Hausaufgaben, die am nächsten Tag abgegeben

und am darauffolgenden Tag mit Kommentaren versehen zurückkamen.

Da es kaum schriftliches Lehrmaterial gab, mussten wir in Eigeninitiative

in Bibliotheken fündig werden und alles per Hand abschreiben,

denn Kopierer gab es noch nicht. Zu den noch existierenden Bibliotheken

waren lange Anfahrtswege zu bewältigen. Da wir zudem abends

noch Stromsperren hatten und oft der pro Haushalt zugeteilte Strom

nötiger zum Kochen war, wurden die Hausaufgaben bei Kerzenlicht erledigt.

Aber auch Kerzen waren rar. Aus Wachsresten und Stummeln wurden

neue gegossen. Im einzigen beheizbaren Wohnraum saßen dann

alle Familienmitglieder und auch Besucher. Ruhe zum Lernen war nur im

von Wärmflaschen beheizten Bett zu finden.

Im nächsten, noch kälteren Winter fanden drei Klassen unseres Jahrgangs

Unterschlupf in einer Werkhalle. Der Vater einer Mitschülerin hatte

das organisiert. In dieser Halle standen drei große eiserne Öfen, die

anfallende Holzspäne des Betriebes verfeuerten. Nun hatten wir einen

ordentlichen Vormittagsstundenplan und aufgereihte Tische und Bänke.

Zur gleichen Zeit unterrichteten nun drei Lehrer ihr Fach, sie wechselten

dann nach einer Stunde. Wenn man Pech hatte und in der letzten

Reihe saß, sah man vorn an der Tafel Mathematikaufgaben, hörte

aber hinter sich vom Geschichtslehrer etwas vom aufregenden Leben

Ottos oder Karls des Ersten. Noch schlimmer war es, in der Nähe des

glühenden Ofens sitzen zu müssen. Zu weit weg davon zu sitzen, ließ

einen allerdings frieren. Aber wir mussten dankbar sein für die Möglichkeit

des Unterrichts in dieser Halle.

Im dritten Nachkriegswinter kam unsere Klasse für einige Wochen in der

Sakristei der Leipziger Thomaskirche unter, also wieder in der Stadtmitte.

Drei Stunden hintereinander sich nur einem Fach zu widmen, war

ermüdend. Aber Gott oder die Kirche und ein warmer Kachelofen hielten

uns wenigstens warm.

Wir haben nie daran gedacht, wie schwierig das ganze auch für die Lehrkräfte

war. Von Jahr zu Jahr kam mehr Normalität in den Schulalltag und

alle bestanden 1949 das Abitur.

Wir hatten eben ganz andere Spaßfaktoren...