Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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ANITA REIßMANN

DIE BOMBENNACHT AM 13. FEBRUAR 1945 IN DRESDEN

Ich blicke weit zurück auf die Zeit, bevor der zerstörerische 2. Weltkrieg begann. Gern denke ich an meine damalige Freundin Evelyne. Wir schrieben das Jahr 1938. Beide waren wir 10 Jahre alt und besuchten die gleiche Schulklasse. Auch in unserer Freizeit hatten wir ähnliche Interessen und unternahmen viel gemeinsam. Eines Tages musste sich Evelyne von mir verabschieden, denn sie zog mit ihren Eltern und ihrer Großmutter von unserem Wohngebiet Dresden-Neustadt nach Dresden-Altstadt. Ich sollte sie natürlich besuchen, aber meine Großeltern, bei denen ich aufwuchs, erlaubten es mir nicht. Sie hielten immer ihre schützende Hand über mich.

Kurze Zeit später begann der Krieg. Viele Erinnerungen daran habe ich verdrängt, weil ich meinte, sie nicht aushalten zu können. Aber an ein furchtbares Ereignis muss ich immer wieder denken, besonders in diesem Jahr, dem 75. Jahrestag der Bombardierung Dresdens am 13./14. Februar 1945.

In dieser Nacht ertönten die Sirenen öfter als sonst, und wir mussten den Luftschutzkeller aufsuchen. Nach einer langen Wartezeit dort, in der sich die Erwachsenen flüsternd unterhielten, ertönte die Entwarnung. Alle stiegen wir zur 3. Etage hoch zu einem Mieter in die Wohnung, wo wir von seinem Eckzimmerfenster aus die Altstadt überblicken konnten. Was war geschehen? Es kam einem Feuersturm gleich, wir sahen die Altstadt brennen! Die feindlichen Bomber hatten unsere schöne Heimatstadt angegriffen und zum größten Teil zerstört. Das ganze Ausmaß begriff ich erst viel später.

Ich fühlte mich zu diesem Zeitpunkt verpflichtet, meine Arbeitsstelle, einen Betrieb in Dresden-Neustadt aufzusuchen, um zu sehen, ob da alles in Ordnung war. In dieser Firma – heute die Arzneimittelwerke Dresden – hatte ich gerade meine Lehre als Stenotypistin mit Erfolg abgeschlossen. Am nächsten Tag lief ich zur Straßenbahn, um dorthin zu fahren, doch diese war nicht mehr funktionstüchtig. So musste ich den Weg von ca. einer Stunde zu Fuß zurücklegen in Richtung Neustädter Bahnhof zur Leipziger Straße. Zu meiner großen Erleichterung sah es hier fast wie immer aus. Noch weitere Arbeitskollegen trafen ein. Wir wurden zu verschiedenen Hilfeleistungen eingeteilt. Ich entfernte mit einem Hammer die Reste der zersplitterten Scheiben aus den Fensterrahmen. Als Entlohnung erhielten wir einige Lebensmittel.

Auf einmal sah ich Flieger am Himmel Bomben abwerfen! Keine Warnung durch Sirenen, die inzwischen auch zerstört waren! Ich schrie gleich: „Schnell in den Luftschutzkeller!", den wir eilig aufsuchten. Allen waren ihre Ängste anzusehen, bis wir aufgefordert wurden, unsere Zuflucht wieder zu verlassen. Einerseits war ich froh und fühlte mich befreit. Andererseits machte ich mir Sorgen: Wie wird es bei mir zu Hause aussehen? Wird unser Haus noch stehen, sind meine lieben Großeltern noch am Leben? Und dann erfahren wir, dass im Luftschutzkeller nebenan, also Wand an Wand mit uns, alle dort anwesenden Personen an Rauchgasvergiftung gestorben sind. Ich trete auf die Straße, dort sehe ich viele Tote liegen. Ein grauenvoller Anblick!

Eine fremde Frau sprach mich an, sie wollte nach Reichenbach. Da nahm ich sie mit, denn den Weg kannte ich und konnte ihn beschreiben. Mein Zuhause würde ich vorher erreichen. Ich legte meinen Mundschutz an. Diesen hatten wir uns selbst anfertigen müssen, wie eine Tasche genäht, in die ein nasses Tuch hineingesteckt wurde. (Er ähnelte der gegenwärtigen Schutzmaske während der Corona-Pandemie.) Nun liefen wir gemeinsam durch brennende Straßen. Fast hätte uns ein glühender Balken erschlagen, der von einer zerstörten Fabrik, in der Schreibmaschinen hergestellt wurden, herunterfiel. Auf der anderen Straßenseite kamen Flammen aus der Orgelbauerfabrik. Dazu ein Funkenregen und eine kaum zu ertragende Hitze, verbreitet von der Zuckerfabrik nebenan. Wir flüchteten weiter. Die mich begleitende Frau weinte sehr. Und dann, welch ein Glück: Unser Haus war unversehrt, und meine lieben Großeltern waren wohlauf. Nun konnte auch ich mich von der Angst befreien. Die fremde Frau erholte sich erst einmal bei uns von dem Schrecken und setzte dann den ihr beschriebenen Weg fort.

Bald war das Ende dieses furchtbaren, zerstörenden und Menschen mordenden Krieges vorbei. Aber was war mit meiner lieben Evelyne geschehen, die ja vor Jahren mit ihrer Familie nach Dresden-Altstadt gezogen war? Ich erfuhr: Sie hatte am 13. Februar 1945 Bahnhofsdienst. Wir BDM-Mädchen wurden alle dazu verpflichtet, den vielen Flüchtlingen beizustehen und ihnen, wo es erforderlich war, zu helfen. Es war ein Wunder, dass Evelyne überlebte, denn der Dresdner Hauptbahnhof wurde von den Bomben auch getroffen. Ihre Eltern und ihre Oma jedoch hatte sie durch diesen Bombenangriff verloren. Sie waren, wie auch tausende andere Menschen, in dieser Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 ums Leben gekommen. Evelyne kehrte zurück in das Haus nach Dresden-Neustadt, wo sie früher gewohnt hatte. Die dortigen Freunde ihrer Eltern nahmen sie bei sich auf. Unsere Freundschaft festigte sich wieder. Auch später, als wir heirateten, blieben wir Freundinnen und verlebten schöne Zeiten zusammen mit unseren Kindern.