Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"

       

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Bei den VI.. Weltfestspielen 1957 in Moskau

Ich konnte mein Glück gar nicht fassen, als ich die Unterlagen zur Delegierung nach Moskau

in den Händen hielt. Mit 17 Jahren war ich eine der jüngsten Teilnehmer der 1300 Delegierten

aus der DDR. Ich gehörte zu den 500 Jugendfreunden der allgemeinen Delegation, die mit

800 Künstlern und Sportlern zu den VI. Weltfestspielen reisen durfte.

Nach einem kurzen Vorbereitungslehrgang auf der Jugendhochschule „Wilhelm Pieck“, bei

dem wir Lieder, Volkstänze und etwas Russisch lernten sowie über die internationale Lage

informiert wurden, traten wir am 23.07.1957 unsere zweitägige Bahnreise an.

Auf jedem Bahnhof, wo der Zug hielt, ob in Polen oder der SU, wurden wir stürmisch

begrüßt, meist mit Musik und Blumen. Den Höhepunkt bildete natürlich der Empfang auf

dem Belorussischen Bahnhof in Moskau. Wir wurden förmlich mit Blumen überschüttet, viele

freundliche Moskauer nahmen uns das Gepäck ab und geleiteten uns zu den Bussen. Zum

ersten Mal fuhren wir durch das festlich geschmückte Moskau zu unseren Hotels. Alle 30 000

ausländischen Festivalteilnehmer wohnten in neu errichteten Häusern, die später zu

Wohnungen umfunktioniert werden sollten. Nur die Sportler aus aller Welt wohnten in der

Lomonossow Universität.

Zwei Tage blieben uns bis zur Eröffnung, so konnten wir die Millionenstadt etwas kennen

lernen. Ehrfürchtig betraten wir den Roten Platz mit dem Kreml, dem Mausoleum, dem

Spaski-Turm und der Basilius Kathedrale und besuchten viele weitere Sehenswürdigkeiten

Moskaus.

Am Sonntag, dem 28. Juli 1957 begann endlich das große Festival. Bei strahlendem

Sonnenschein fuhren wir als Lastwagenparade durch die geschmückten Straßen der Stadt.

Fünf LKW sollten nebeneinander fahren, doch die uns zujubelnden Menschenmassen kamen

immer dichter und wir schüttelten unzählige Hände, bekamen Glückwunschkarten und

Blumen. Zum Schluss fuhren die Lastwagen nur noch einzeln hintereinander.

Die Menschen saßen auf Bäumen und Laternen, sie drängten sich an den Fenstern und auf

Balkonen und auch Baugerüste waren belagert. Nach etwa zwei Stunden erreichten wir das

neuerbaute Leninstadion, das 103 000 Plätze hat. Ich gehörte zu der kleinen Delegation, die

beim Einmarsch der Nationen unsere Republik vertrat. Zwei gleiche schwarz-rot-goldene

deutsche Fahnen wurden ins Stadion getragen. Jeweils eine von der DDR-Delegation und eine

von der BRD-Delegation, denn unsere Flagge hatte 1957 noch kein Emblem. Von den 126

Teilnahmeländern waren wir das siebente, alle nahmen in der Stadionmitte Aufstellung.

Die FDJ hatte in Vorbereitung der Weltfestspiele die Jugend des Sudan durch viele

Spendenaktionen unterstützt, und ihre Teilnahme damit weitgehend überhaupt ermöglicht.

Die Sudanesen kamen hinter uns zum Stehen, so ergab es sich, dass wir von den

pechschwarzen großen schlanken, ganz in weiße Gewänder gehüllten Männern bald umringt

waren. Nach den Eröffnungsansprachen sollten alle einmarschierten Festivalteilnehmer auf

den Rängen Platz nehmen. Ich hatte bei dem einsetzenden Gedränge meine Gruppe verloren,

aber die Sudanesen nahmen mich bei der Hand und dann saß ich zwischen Ihnen. Wir sahen

uns gemeinsam das großartige Eröffnungsprogramm an. Es wurde von Akrobaten, Tänzern

und Sportlern der 15 Sowjetrepubliken gestaltet. Ich hatte keine Ahnung, wo meine

Delegation war und fand auch später keinen Bus mit deutschen Teilnehmern. Freundliche

Helfer beendeten mein Herumirren, nachdem sie meinen Festivalausweis gesehen hatten,

setzten sie mich in einen Bus, in dem sich vor allem Freunde aus Süd- und Mittelamerika

befanden. Mit Händen und Füßen haben wir uns verständigt. Nach etwa einer Stunde kam mir

die Gegend bekannt vor. Froh war ich, als ich in meinem Hotel „Wostok“ eintraf.

Nun rollten die 14 Tage des Festivals ab. Wir besuchten zahlreiche Freundschaftstreffen. So

zum Beispiel trafen wir uns mit Jugendlichen aus China, aus Holland-Belgien und

Luxemburg, mit den Sudanesen und mit Komsomolzen aus verschiedenen Sowjetrepubliken.

Jeder Tag stand unter einem bestimmten Motto. Zum Beispiel der Tag des Sports, da legten

wir das Massensportabzeichen ab. Dann besuchten wir viele interessante Veranstaltungen, so

die Zirkusparade und Zirkusveranstaltungen. Zum Wasserfest fuhren wir mit geschmückten

Schiffen und Kähnen als Matrosen eingekleidet die Moskwa entlang. Beim großen Kreml-

Ball tanzten wir durch das Kremlgelände und kamen uns wie im Märchen vor, so toll war

alles geschmückt und märchenhaft beleuchtet. Fast am Ende des Festivals fand der große

Karneval in allen Moskauer Parks statt. Wir bekamen Karten für den Sokolnikipark und

amüsierten uns bei den vielen Attraktionen, dabei verliefen wir uns hoffnungslos und suchten

40 Minuten nach dem Ausgang. Am Tag der Mädchen und Frauen wurden wir von den

männlichen Teilnehmern den ganzen Tag verwöhnt, besonders schön fanden das die

Teilnehmerinnen aus Ländern, wo die Frauen noch diskriminiert werden.

Es wurden nicht nur Feste gefeiert, wir besichtigten verschiedene Betriebe, unter anderen das

1. Autowerk Moskaus, die Zahnradfabrik und das Depot für Metrowagenreparaturen. Auch

ernste Veranstaltungen waren im Programm. So gelobten am 05. August 500 000 junge

Menschen aus aller Welt bei einer Kundgebung: Nie wieder Hiroshima. Niemals Atomkrieg!

Die zwei Wochen des Festivals verstrichen bei Jubel und Trubel, Freundschaften schließen,

bei Besichtigungen, Konferenzen und den vielfältigen Veranstaltungen. Der letzte Tag kam

heran. Am Abend fand die große Abschlussveranstaltung im Leninstadion statt, sie war

einfach fabelhaft. Beim Einholen der Festivalfahne ließen wir tausende Ballons in die Luft

steigen und sangen in allen Sprachen, die die Welt kennt, das Weltjugendlied. Ein Feuerwerk

von 45 Minuten, wie ich es noch nie erlebt hatte, bildete den endgültigen Abschluss der VI.

Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Moskau, das unter dem Motto stand:

 "Miru Mir" und heißt „Frieden für die Welt“.

Nun hieß es Abschied nehmen, das fiel uns nicht leicht. Von der ersten bis zur letzten Minute

spürten wir die echte Gastfreundschaft der Moskauer. Die Betreuer, die Dolmetscher, die

Frauen im Hotel, das Personal der Küche, die Arbeiter in den Betrieben, die vielen Eis- und

Getränkeverkäufer auf den Straßen, überall spürten wir die Herzlichkeit der russischen Seele.

Trotz fremder Sprache fühlten wir uns hier niemals fremd, wir nahmen Abschied, in der

Hoffnung, wieder zu kommen.

Bei einem Meeting vor dem Bahnhof bedankten wir uns nochmals für die wundervollen Tage,

doch dann setzte sich der Zug in Bewegung, ein letztes Mal grüßte die Lomonossow-

Universität von den Leninbergen, der Zug verließ die Stadt und rollte gen Westen.

Doch nicht alle Teilnehmer konnten nach Hause, manche wären sofort ins Gefängnis

gekommen. Deshalb blieben einige zum Studium in Moskau oder konnten in anderen Ländern

des Sozialistischen Lagers unterkommen. In unserem Zug fuhren zwei Sudanesen mit, die in

Berlin studieren wollten und schon eifrig deutsch lernten, wir halfen ihnen gern.

Aber die meisten Festivalteilnehmer reisten mit den Gedanken der internationalen

Zusammengehörigkeit und des Weltfriedens in ihre Heimat zurück die sich auf allen fünf

Kontinenten der Erde befand. Einige Menschen aus 126 verschiedenen Nationen waren sich

näher gekommen und spürten, dass es nicht unmöglich ist, friedlich und ohne Hass

nebeneinander und miteinander auf unserer Erde zu leben.