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Ein Segelflugzeug auf der Autobahn (15. Anthologie)

In jungen Jahren war ich ein begeisterter Segelflieger und jeden Sonntag in Saarmund auf

dem Segelflugplatz. Dieser liegt ideal zwischen den Autobahnen „Berliner Ring“ und „Avus“,

nördlich verläuft die Straße nach Langerwisch, und im Osten befindet sich eine bewaldete

Hügelkette.

1959 war ein heißer Sommer, die „Bärte“ rauschten nur so in den Himmel, also Thermik

ohne Ende, das heißt: beste Bedingungen für den Segelflug.

Dieses tolle Wetter war vor allem für die schon erfahrenen Segelflieger eine Chance zum

Trainieren. Eine schwierige Bedingung für die „Silber C“ war der „Fünf Stunden Dauerflug“.

Kamerad Olaf hatte sich schon mehrmals dieser Herausforderung gestellt – vergeblich! Drei

ein halb Stunden hatte er geschafft, dann war der „Ofen“ aus und er musste wieder landen.

Heute wollte er es packen.

Zwei Tafeln Schokolade und eine leere Flasche mit weitem Hals für hinterlistige Zwecke

wurden verstaut. Start und Abflug verliefen planmäßig. Nach 30 Minuten war er von

unserem Platz aus nicht mehr zu sehen. Der Flugbetrieb ging mit den vorhandenen

Maschinen weiter.

Nach mehr als vier Stunden sichtete einer der Fluglehrer unseren Olaf, wie er sich von Osten

heranschlich. Direkt über unserem Platz war nur eine Höhe von 500 Metern erlaubt, weil

Saarmund in der Einflugschneise der Flughäfen Tegel und Tempelhof liegt. Doch Olaf war

schon tiefer und fand keine Thermik mehr. Bei leichtem Wind aus West war er außerdem

hinter dem Hügel in einem Abwindgebiet, das ihn nach unten drückte. Er musste nach vier

Stunden und 40 Minuten notlanden und verschwand aus unserem Blickfeld.

Was war geschehen? Schnell machte ein Kamerad sein Motorrad klar, der Flugleiter stieg auf

den Sozius, um vom Hügel aus Ausschau zu halten.

Sie kamen mit guten Nachrichten zurück. Offensichtlich war dem Piloten und auch dem

Flugzeug nichts geschehen. Die Maschine stand in einem Kartoffelacker kurz vor einem

Baum in unmittelbarer Nähe der Autobahn „Berliner Ring“. Nun wurde „Kriegsrat“ gehalten.

Mit dem LKW und dem Transportanhänger kam man dort ganz schwer hin. Außerdem ist es

sehr aufwendig, ein Segelflugzeug abzurüsten und vor allem dann fachmännisch wieder

aufzurüsten, danach muss es technisch abgenommen und wieder eingeflogen werden.

Nun war zufällig der Kamerad, der bei der Verkehrspolizei arbeitete, nach seinem Dienst,

aber noch in seiner Uniform zum Flugplatz gekommen.

Da wurde die verrückte Idee geboren, das Segelflugzeug auf der Autobahn zu transportieren.

Mit etwa 10 Kameraden marschierte ich über den Berg zum Kartoffelacker, wo uns Olaf

sehnsüchtig erwartete und sich über einen Imbiss und ein kühles Getränk sehr freute. Das

Flugzeug wurde begutachtet und hatte außer ein paar Lackkratzern von den

Kartoffelstauden keinen Schaden genommen.

Mit vereinten Kräften schoben wir die Maschine zur Autobahn. Damals störten keine

Leitplanken unser Vorhaben. Der Verkehr war mäßig.

Unser Verkehrspolizist, die „Weiße Maus“, stoppte mit seiner Kelle für vier bis fünf Minuten

die Fahrzeuge. Eine kühne Aktion auch damals, immerhin waren 100 km/h erlaubt.

Wir rollten das Segelflugzeug auf die Piste, schoben und rannten so schnell wir konnten. Ein

Pfiff gebot uns Halt und wir stellten uns quer auf den Mittelstreifen zum Verpusten. Die

Autos flitzten auf beiden Seiten an uns vorbei.

Unser Polizist schloss zu uns auf und als wir wieder genügend Luft hatten, hielt er erneut den

Verkehr an. Auf diese Art und Weise schafften wir den reichlichen Kilometer bis zur Grenze

des Flugplatzes. So konnten wir die „Meise“, damals eines unserer besten Segelflugzeuge,

unbeschadet und vor allem unkompliziert und schnell zum Platz zurück bringen.

Es ist klar, dass Olaf, der Außenlande-Pilot, am Abend in der Fliegerklause ordentlich

„bluten“ musste. Ob es für unseren Verkehrspolizisten wegen seiner „außerdienstlichen

Aktivität“ noch ein ernstes Nachspiel gab, ist mir nicht bekannt.

Wir waren jedenfalls alle hell begeistert von unserer guten Tat.