Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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VOLKER LUKAS

Eine Krankheit und ihre Folgen

Gleich nach dem Jurastudium durchlief ich am Kreisgericht Neuruppin (heutiges Amtsgericht) eine Vorbereitungszeit von Ende 1972 bis Anfang 1973 für meine künftige Richtertätigkeit. Eine meiner wöchentlichen Aufgaben war die Durchführung der Rechtsauskunft, die es dienstags kostenlos für die Bürger der DDR gab (im Gegensatz zur BRD). Darüber wurde Buch geführt, in dem Name und Anschrift des Rechtssuchenden notiert wurden. An solchen Tagen rauchte ich meist 20 Zigaretten (heute im Büro undenkbar), weil jede Auskunft einen anderen Fall betraf und es manchmal ziemlich knifflig zuging.

Und wieder ging die Tür zu meinem Zimmer auf, und der nächste Rechtssuchende kam. „Ihren Namen und die Anschrift bitte", sagte ich, und der ältere, gut gekleidete Herr antwortete: „Herrmann Konstantin Veutreck-Rudolph (ein Doppelname also), (vom Autor geändert) wobei er bei „Rudolph" auf die Aussprache mit „p" großen Wert legte. „Sie wohnen?" „Zur Zeit in der Psychiatrie Neuruppin." Da schnellte mein Kopf hoch, und ich fragte vorsichtig: „Sie haben Ausgang?" Er bejahte das. Dann erzählte der Mann, dass er einen Prozess führe, damit sein Name, den er mir genannt hatte, auch anerkannt werde. In seinem Ausweis stehe nämlich nur „Herrmann Veutreck". Und sehr wirr ging es dann noch weiter. Zum Schluss wusste ich eigentlich gar nicht, was er für eine Frage hatte und wie ich ihm helfen sollte.

In der Mittagspause erzählte ich den Richterkollegen von dem seltsamen Fall. Der Zivilrichter meinte: „Den kenne ich. In Kürze muss ich über einen Antrag zur Zwangseinweisung des Mannes in die Psychiatrie entscheiden." Er bot mir an, als Zuhörer der Verhandlung beizuwohnen. Dieses Angebot nahm ich gerne an.

Der Tag kam. Ich saß im Zuhörerbereich des Gerichtssaales. Auf der einen Seite vor dem Richtertisch saß Herrmann Veutreck (Antragsgegner) und sortierte mehrere Gesetzeswerke, die er vor sich aufgebaut hatte. Auf der anderen Seite platzierte sich die Kreisärztin Frau Dr. Lochmann, die den Antrag auf Zwangseinweisung stellte.

Das Gericht erschien, alle standen auf, nur der Antragsgegner nicht. Der Vorsitzende wandte sich an ihn und meinte: „Herr Veutreck, Sie müssen aufstehen." Da ging es los! Der Angesprochene erhob sich und erklärte: „So lange wie das Gericht nicht meinen vollständigen Namen Herrmann Konstantin Veutreck-Rudolph nennt, so lange brauche ich auch nicht aufzustehen." Der Richter darauf ganz gelassen: „Dann bleiben Sie eben sitzen, Herr Veutreck."

Die Kreisärztin begründete ihren Antrag auf Einweisung. Unter anderem war da zu hören, dass Herr Veutreck, mit einem schwarzen Umhang bekleidet, durch Oranienburg lief und vor anderen Passanten den Umhang lüftete, so dass ein untergeschnalltes großes Schwert sichtbar wurde. Dann begab er sich auch in Wohnungen und forderte die ahnungslosen Bewohner derselben auf, diese kurzfristig zu räumen, weil er sie als Quartier für konspirative Zwecke benötige. Und so gab es noch Etliches, was die Einwohner stark beunruhigte. Vom Richter befragt, warum er so handele, erklärte der Antragsgegner, dass dieses Tun unter dem Decknamen „Kleiner weißer Diamant" laufe und alles mit der Kreisleitung der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) abgesprochen sei. Frau Dr. Lochmann meinte daraufhin, dass sie davon wüsste, wenn es eine solche Absprache gegeben hätte. Nunmehr erhob sich der Antragsgegner, stellte sich kerzengerade hin, so dass sein Nadelstreifenanzug richtig zu Geltung kam, und fragte die Kreisärztin: „Frau Dr. Lochmann, kennen Sie den ‚Kleinen weißen Diamant‘?" Die Angesprochene verneinte. Wie ein scharfes Schwert donnerten die Worte des Herrn Veutreck auf die Kreisärztin nieder: „Dann sind Sie auch nicht Fr. Dr. Lochmann!" Damit war aus Sicht des Antragsgegners der Beweis geführt, dass alle Anschuldigungen gegen ihn völlig aus der Luft gegriffen wären und der Antrag auf Zwangseinweisung unbegründet sei.

Trotz dieser „zwingenden Logik" hat das Gericht dem Antrag der Kreisärztin, die angeblich nicht Fr. Dr. Lochmann war, stattgegeben und Herrn Herrmann Veutreck zwangseingewiesen. In den Urteilsgründen war zu lesen, dass Herr Veutreck eine Syphiliserkrankung nicht behandeln ließ, so dass diese im 3. Stadium das Gehirn befallen hatte. Sein Handeln, in dem sich seine frühere berufliche Tätigkeit als Mitarbeiter des MfS (Ministerium für Staatssicherheit) widerspiegelte, war geeignet, Unruhe unter der Bevölkerung zu erzeugen, so dass es nicht mehr vertretbar war, ihn in Oranienburg frei umherlaufen zu lassen.