Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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CHRISTA KIKELS

„Gestorben fürs Vaterland"

Ich hätte nie gedacht, dass ich so eine Überschrift noch einmal ganz aktuell lesen müsste. Aber am 22. November 2014 stand sie groß in der Potsdamer Zeitung „Blickpunkt": „Gestorben fürs Vaterland", darunter stand: „Gedenken an die Opfer der Bundeswehr im Wald der Erinnerungen". Diese Überschrift macht mich wütend. Die uns Regierenden, vorn weg die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen und Bundespräsident Joachim Gauck haben wohl völlig vergessen, was sich alle Deutschen 1945 geschworen haben:

„Nie wieder Krieg!".

Am Sonnabend, dem 15.11.2014, rechtzeitig vor dem Volkstrauertag wurde betont, weihten sie den Ehrenhain für die 104 im Ausland ums Leben gekommenen Bundeswehrsoldaten in der Henning-von-Tresckow-Kaserne bei Potsdam ein.

Am 08. Mai 2015 wurde der 70. Jahrestag der Beendigung des 2. Weltkrieges und der Befreiung vom Hitlerfaschismus begangen. Dieser Krieg ging von Deutschland aus und brachte Millionen Menschen in ganz Europa und darüber hinaus Tod und Elend. Und wir sollten nicht denken, dass die deutschen Kriegseinsätze irgendwo in Europa vergessen sind. Bei unseren Reisen erlebten wir, dass an den Denkmälern alljährlich Feierlichkeiten stattfinden, die Kriegsveteranen geehrt und als noch lebende Zeitzeugen in die Schulklassen gebeten werden

Mit der Losung: „Nie wieder Krieg!" bin ich aufgewachsen und habe mich entsprechend meiner Möglichkeiten stets für die Erhaltung des Friedens eingesetzt. Mein Vater ist in den letzten Monaten dieses mörderischen Krieges umgekommen. Ich frage mich, für welches Vaterland musste mein Vater sterben, die Konzerne wie Krupp, Thyssen usw. waren schnell wieder präsent.

Zu Weihnachten 1944 bekam er ein paar Tage „Urlaub" von der Ostfront. Am 06. Januar musste er wieder zu seiner Einheit in den Schützengraben. Mein großer Bruder hatte seinen Gestellungsbefehl für den 08 Januar 1945 erhalten. Er war Jahrgang 1928 und im Oktober 1944 16 Jahre alt geworden. Nun zog er in den Krieg. Er hatte Glück und kam Ende 1945 siebzehnjährig aus englischer Gefangenschaft wieder nach Hause, aber unser Vater nicht. Im März 1945 erhielt meine Mutter eine Mitteilung, dass er „vermisst" wird. Er kam nie wieder, obwohl das meine Mutter viele Jahre hoffte. Selbst als die letzten Kriegsverbrecher aus der Sowjetunion entlassen wurden, bekam ihre absurde Hoffnung neue Nahrung, aber mein Vater war lediglich Gefreiter in einer Schützeneinheit gewesen.

Ich wuchs mit meinen vier Geschwistern wie tausende andere Kinder als Halbwaise auf. Die Halbwaisenrente von 30 Mark war für unsere Mutter eine sehr kleine Hilfe. Meine wesentlich älteren Geschwister gingen bald eigene Wege, lernten einen Beruf und nutzten die neuen Möglichkeiten, die ihnen der Arbeiter-und Bauernstaat bot. Ich lebte viele Jahre mit meiner Mutter in sehr bescheidenen Verhältnissen.

Im Jahr 2014 wurde der 25. Jahrestag der Grenzöffnung überschwänglich gefeiert. Ich betrachte diesen Jahrestag nicht nur mit Freude, große Sorge bereitet mir die Weltpolitik. Die Mauer verlief nicht nur durch Berlin und mitten durch Deutschland. Sie war ein Ergebnis der Teilung der Welt in zwei Lager, ein Ergebnis der Systemauseinandersetzung. In all den Jahren stand die Sicherung des Friedens an vorderster Stelle, dem war alles untergeordnet, wenn es auch für manche Unannehmlichkeiten brachte.

Mit dem Mauerfall erhofften sich viele recht blauäugig eine friedlichere Welt. Was aber in den 25 Jahren geschehen ist, haben wir alle miterlebt. Mit der Vergrößerung Deutschlands durch Vereinnahmung der DDR, veränderte die Bundesregierung ihr Verhalten auf internationaler Ebene.

Mit Empörung nahm ich die deutsche Teilnahme am Krieg gegen Jugoslawien zur Kenntnis. Der damalige Grüne Außenminister Joschka Fischer, der in jungen Jahren ein Kriegsgegner gewesen sein soll, billigte den Einsatz.

2011 unternahmen wir eine Donaukreuzfahrt und kamen durch Novi Sad in Serbien. Die NATO hatte 1999 mit deutscher Beteiligung die Stadt bombardiert, wobei alle Brücken, die regionale Wasserversorgung für 600 Tausend Menschen, das Rundfunkgebäude und die Raffinerie zerstört wurden. Das städtische Krankenhaus, mehrere Schulen und Kindergärten sowie Wohngebäude wurden durch Bomben beschädigt. Am Wiederaufbau hat sich Deutschland großzügig und bereitwillig beteiligt, also doppelt verdient.

Die CDU-Regierung sorgte im Bundestag für das Mandat eines „humanitärer Einsatzes" in Afghanistan und Bosnien. Der Bundespräsident, Horst Köhler, musste seinen Hut nehmen, als er den wahren Grund – die Sicherung der Macht und der Einflusssphären deutscher Konzerne - benannte. Aber das sind fast die einzigen Gründe für Kriege: Macht und Geld. Deshalb müssen wieder Väter, Söhne und Enkel mit Waffen im Ausland präsent sein, und wer bewaffnet in ein fremdes Land geht, muss mit Widerstand rechnen.

104 Tote sind 104 zu viel. Den „Wald der Erinnerungen" brauchte die Bundesregierung nicht zu bauen, wenn sie konsequent, wie Gerhard Schröder zum Irak-Krieg und wie die „Linken" zu allen Einsätzen immer wieder, „Nein" zu diesen Aktivitäten gesagt hätte.