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Dr. Edith Gaida

Hunger

Wer Hunger kennt, nicht nur den Hunger von einer Mahlzeit bis zur nächsten, nicht nur tagelangen,

sondern monate- und jahrelangen Hunger, der kann eventuell verstehen, dass sich fast alles im

Denken und Fühlen des Hungrigen ums Essen dreht. Das habe ich als Kind in der Nachkriegszeit am

eigenen Leib erfahren. Die Erinnerungen daran sind wieder lebendig, wenn in den Medien von Krieg

und Terror in verschiedenen Gegenden der Welt zu hören ist.

Unser Vater hatte noch in den letzten Kriegstagen im April 1945 eine schwere Verwundung von einem

Granatsplitter davongetragen und fiel deshalb für die Essensbeschaffung aus. Denn die Lebensmittelkarten,

die es ab Mai 1945 gab, sicherten kaum das Überleben. Es dauerte einige Zeit, bis er

wieder in der AEG in Hennigsdorf, seinem Arbeitgeber seit 1923, arbeiten konnte.

Kurze Zeit nach Kriegsende standen noch die Feldküchen der Sowjetsoldaten auf dem Betriebsgelände

der AEG. Wir konnten von unserer Wohnung aus sehen, wann gekocht wurde. Dann machten

sich meine beiden Schwestern, sechs und sieben Jahre alt, mit mir, der Dreieinhalbjährigen, mit dem

„Henkelmann“ auf den Weg und bettelten um etwas Essen. Wir gingen nie leer aus…

Zwar hatten wir zu unserer großen Freude 1945 einen Garten erhalten und meine Mutter baute vor

allem Gemüse und Kartoffeln an, aber als die Erntezeit kam, hatten andere alles abgeräumt. So wurde

ab Herbst 1945 jeder Tag zum Überlebenskampf. Meine Schwestern und ich mussten Melde und

Brennnesseln sammeln gehen, die der Wassersuppe zugesetzt wurden, von uns hochstapelnd als

„Spinatsuppe“ bezeichnet. Im Sommer waren wir bereits auf dem einzigen Feld in unserer Nähe

„stoppeln“ gegangen, um nach der Getreideernte die liegengebliebenen Ähren aufzusammeln. Das

war jedoch wenig ergiebig, weil halb Hennigsdorf dort zugange war. Da unsere Stadt ein Industriestandort

war, gab es nur wenige landwirtschaftliche Nutzflächen in unserer Umgebung.

Weil das Essen nicht reichte, ging unsere Mutter schließlich, denn unser Vater war im Betrieb unabkömmlich,

auf „Hamstertour“, wie so viele in dieser Zeit. Das heißt, sie fuhr mit Tischdecken, Bettwäsche,

Silberbesteck, Schmuck und sonstigen Dingen aus unserem Besitz, die sich als Tauschobjekte

eigneten, über Land zu den Bauern bis nach Schwante und Kremmen, um im Gegenzug dafür Lebensmittel

zu erhalten. Das war nicht ungefährlich und zudem war das „Hamstern“ verboten. Wer

Pech hatte und erwischt wurde, dem wurde alles abgenommen.

Bei einer dieser Hamsterfahrten mit dem schweren Rucksack zog sich meine Mutter im Juli 1946

einen Leistenbruch zu, der zu spät behandelt wurde. Mit einem lebensbedrohlichen Darmverschluss

ins Krankenhaus eingeliefert, wurde sie zwar noch operiert. Aber sie war völlig entkräftet und starb

nach der Operation. Ein furchtbarer Schlag für uns. Nun musste unsere Oma die Versorgung für die

Familie übernehmen. Sie war sich in ihrer Not nicht zu schade dafür, in der Nachbarschaft Küchenabfälle

zu erbitten, um daraus ein wie immer geartetes Essen zusammenzukochen.

Was uns auch über Wasser hielt, war die sowjetische Einquartierung in unserer Wohnung. Wir hatten

das sogenannte „Herrenzimmer“ ab Sommer 1945 für etwa eineinhalb Jahre einem sowjetischen

Offizier zur Verfügung stellen müssen, der von der Köchin Mascha bekocht wurde. Wenn sie mit Blick

auf uns Kinder Kartoffeln schälte, dann klaubte meine Oma anschließend die ziemlich dick geratenen

Kartoffelschalen aus dem Abfalleimer heraus, schrubbte sie unter Wasser gründlich sauber und

drehte sie anschließend durch den Wolf. Mit etwas Mehl vermischt und mit Salz gewürzt, wurde der

so entstandene Brei auf ein Kuchenblech gestrichen und auf der Herdplatte getrocknet. In Stücke

geschnitten, aßen wir das dann als unser „Knäckebrot“. Es schmeckte nicht, war aber essbar. Genauso

wie die „Reibesuppe“, bei der rohe Kartoffeln in kochendes Wasser gerieben wurden: ein glibberiges,

nach nichts schmeckendes Etwas. Um unsere karge Kost gehaltvoller zu machen, wurden wir

Kinder öfter mit einer Kanne zum Fleischer geschickt, reihten uns in die lange Warteschlange ein und

konnten mit etwas Glück ein wenig Wurstbrühe ergattern. Dann hatten unsere Wassersuppen zu

Hause wenigstens etwas Geschmack und es schwammen auch mal ein paar Fettaugen obenauf. Irgendwie

überstanden wir so den Hungerwinter 1946/47. Geholfen hat uns dabei auch die „Quäkerspeisung“,

eine humanitäre Hilfe aus den USA, die es für uns Kinder einige Male im Gemeinderaum

unserer Kirche gab.

Im Oktober 1947 verheiratete sich mein Vater wieder. Unsere zweite Mutter gab sich die größte Mühe,

uns drei Kinder satt zu bekommen, aber das war nach wie vor nicht einfach. War es da verwunderlich,

dass unsere Speisekammer in der Küche unser beliebtestes Ausflugsziel wurde und es Schläge

setzte, wenn unser Diebstahl bemerkt wurde?

In dieser Zeit war es, dass unsere Mutter eines Mittags Pellkartoffeln gekocht hatte und wir drei

Mädchen sie mit gierigen Blicken umstanden, als sie mit dem Pellen begann. Ich muss wohl besonders

mitleiderregend geschaut haben. Denn sie schob mir, der Fünfjährigen, ein ganz kleines Kartöffelchen

zu. Ich schluckte es hastig hinunter, ohne zu kauen. Natürlich blieb es mir im Halse stecken,

ich bekam keine Luft mehr, fing an zu würgen, lief im Gesicht an, druckste und zappelte, bis meine

Mutter merkte, was passiert war. Schnell packte sie mich an meinen Füßen und hob mich kopfüber

hoch. „Schweinebammeln“ hieß das bei uns. Meine große Schwester musste mir kräftig auf den Rücken

schlagen – und dann lag die Kartoffel auf dem Küchenboden. Endlich konnte ich wieder Luft

holen. Ich war, wie die anderen Beteiligten, mit einem Riesenschrecken davongekommen…

Man sollte nun eigentlich denken, ich hätte daraus meine Lehre gezogen. Aber der Hunger war stärker

als diese schlimme Erfahrung. Es dauerte noch lange, bis ich meine „Fressgier“ zu beherrschen

lernte.