Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"

       

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Ich lebte in fünf verschiedenen Staatsformen
Nach noch bestehenden Erinnerungen möchte ich darlegen, wie ich
mich im Laufe meines Lebens immer wieder neuen Machtmechanismen
stellen musste. Anfangen möchte ich mit dem Jahr 1927. Wie mir meine Eltern später
erzählten, lebten sie in der nach 1918 gegründeten Weimarer Republik.
In dieser Zeit wohnten sie mit meiner Schwester in Altenburg. Aus mir
nicht bekannten Gründen zogen sie in die kleine Stadt Weißenfels. Hier
kam ich im Jahr 1928 zur Welt. In diesem Jahr bewegten zwei Ereignisse
die Welt. Erstens, dass ein Professor Fleming das Penizillin erfunden
hatte und zweitens, dass ein Luftschiff „Graf Zeppelin“ von Friedrichshafen
am Bodensee zum ersten Flug über den Atlantik nach Amerika
gestartet war und dort wohlbehalten landete. Doch diese Ereignisse
konnten meine Eltern nicht von ihrem schweren Leben ablenken. Beide
wussten manchmal nicht, wie sie unsere kleine Familie ernähren sollten.
Mein Vater als Ingenieur und meine Mutter als Laborantin bekamen
keine Arbeit, weil es zu viele Arbeitslose in Deutschland gab. Als man meinem
Vater im Ausland in seinem Beruf Arbeit anbot, entschieden sich
meine Eltern, in die UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken)
überzusiedeln. Im Jahr 1929 war es dann soweit, mit etlichen Koffern und ohne
Möbel zogen wir in einen angehenden sozialistischen Staat in die Stadt Charkow.
Mein Vater war schon vorher dorthin gefahren, um alles zu regeln,
denn er sollte eine Wohnung mit Möbeln zugeteilt bekommen. In dieser
Stadt und in dieser Wohnung verbrachte ich meine Kindheit. Ich lernte
gleich die russische Sprache, ging mit drei Jahren in einen russischen
Kindergarten und konnte nur wenige deutsche Worte sprechen. Später
kam ich auch in die russische Schule und wurde „Oktoberkind“ mit einer
weißen Bluse und einem roten Stern darauf. Ich liebte wie alle anderen
Kinder „Väterchen Stalin“ und war als deutsches Kind total in das dortige
Leben eingebunden. Jedes Jahr bekam unsere Mutter, obwohl sie
nur eingewandert war, vom Staat einen Kuraufenthalt auf die Insel Krim
in den Kurort Slowiansk, den sie mit uns beiden Mädchen verbrachte.
Als Kind fühlte ich mich glücklich und zufrieden. Doch bald kam das Unglück über
unsere Familie, denn mein Vater wurde im Auftrag von „Väterchen Stalin“ verhaftet
und nach Sibirien verschleppt. Meine Mutter kam sich jetzt im fremden Land mit uns
beiden Mädchen verlassen vor und überlegte, ob sie nach Deutschland
zurückkehren sollte. Als sie erfuhr, dass eine deutsche Freundin mit ihrem Kind
plötzlich verschwunden war, nachdem der Mann verschleppt worden war, bekam sie
es mit der Angst zu tun und beantragte die Rückreise. Im Jahr 1938 fuhren wir von
der sozialistischen UdSSR in das nationalsozialistische Deutschland. Damals als
Zehnjährige verstand ich die Handlungsweise meiner Mutter nicht. Doch das Leben
geht immer weiter und wir mussten uns jetzt an das Deutsche Reich, wo die Nazis
regierten, anpassen. Für mich begann eine sehr schwere Zeit, denn ich wurde bei
den Kindern in der Schule nicht sehr freundlich aufgenommen und stand im
Abseits. Das machte mich sehr unglücklich und ich weinte viel. Erst als
ich die deutsche Sprache besser beherrschte und wir von der kleinen
Stadt Leisnig nach Leipzig zogen, änderte sich das. Ich versuchte mich
an das neue Leben zu gewöhnen. Meine Mutter empfahl mir, zum
Jungmädchenbund zu gehen. Jetzt bekam ich wieder eine weiße Bluse, aber
ein schwarzes Halstuch mit einem Lederknoten. Da ich am Sport viel
Freude hatte, betrieb ich ihn sehr aktiv, machte bei allen Wettkämpfen
mit und Hitler war jetzt für mich der „Führer“. Wir sangen: „Deutschland, Deutschland
über alles ...“ und Soldatenlieder. Ich hatte mich in diese Gesellschaftsordnung
integriert, denn als Kind verstand ich sowieso nicht den Unterschied zwischen
„Väterchen Stalin“ und Hitler. Für mich war die Welt wieder in Ordnung. Ich musste
mich fügen, das Leben war nun mal so. Dann sah ich aber die Judenverfolgung, die
zertrümmerten Geschäfte, wo wir eingekauft hatten. Eines Tages brannte auch noch
die Schule, inder unsere jüdischen Freunde lernten und unsere Mutter verbot uns,
weiter mit ihnen zu spielen. Alle Juden mussten den gelben Judenstern
tragen. Und wieder konnte ich das nicht begreifen, ich bekam große
Angst, dass es uns auch schlecht ergehen könnte.
Und es kam noch schlimmer, denn 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus.
Ich hatte überhaupt keine Vorstellung, was das Wort „Krieg“ bedeutete.
Um den Soldaten, die an der Front kämpften, eine Freude zu bereiten,
wurden wir Mädchen aufgefordert, ihnen Handschuhe, Schals und
Socken zu stricken, die wir dann zu Weihnachten in einem Päckchen
verschickten. Wir bekamen Adressen von Soldaten und schrieben fleißig
Briefe. Traurig wurden wir, wenn die Briefe zurückkamen und wir erfuhren,
dass ein Brieffreund nicht wieder nach Hause kommen würde. Auch
der Verlobte meiner Schwester, der in Stalingrad kämpfte, war gefallen.
Oft sangen wir das Lied: „Vor der Kaserne, bei dem großen Tor, stand
eine Laterne und steht sie noch davor...“. Die Kriegszeit wurde immer
schlimmer, denn die Bombenangriffe auf die Städte nahmen zu. Ich war
1944 16 Jahre alt und ging in die erweiterte Haushaltsschule, mitten in
Leipzig. Hier übten wir, wie wir uns bei einem Einschlag von Brandbomben
auf die Schule, verhalten sollten. Dabei wurde auch das richtige
Aufsetzen der Gasmaske geübt. Wir Mädchen waren recht albern
dabei und hatten so manchen Spaß. Doch dann kam der Tag, an dem
wirklich mehrere Brandbomben auf unsere Schule fielen. Jetzt wurde
es ernst und voller Panik stürmten wir in die Keller. Nach diesem Bombenangriff
fiel der Unterricht bis auf weiteres aus. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft
waren Zwangsarbeiter aus Russland untergebracht, die in den nahe gelegenen
Junkers - Werken arbeiteten. Meine Schwester, die auch dort beschäftigt war,
freundete sich mit einigen an. Obwohl es verboten war, besuchten uns ab und zu
einige, dann wurde die dürftige Gemüsesuppe verlängert und dass wenige Brot
noch geteilt. Sie erzählten uns viel von ihrer Heimat und sehnten sich
dorthin zurück und hofften, dass der Krieg bald zu Ende wäre. Jetzt hatte
ich begriffen, was das Wort „Krieg“ bedeutete. Als dann am 8. Mai 1945
der Tag der Befreiung kam, war ich froh, dass alles, wovor ich Angst
hatte, nun für immer vorbei sein sollte. „Mit siebzehn hat man noch Träume...“
so wurde gesungen und ich war voller Schwung und Elan und
wollte am liebsten die Welt verändern. Wir alle waren der Meinung, lieber
trocken Brot essen, als noch einmal einen Krieg erleben.
Im Jahr 1949 wurde die DDR gegründet, dieser Staat strebte nach dem
Sozialismus und ich vertrat diesen Staat und dessen Ideale. Ich wollte,
dass es allen Menschen gleich gut gehen sollte. Ich trug jetzt das blaue
Hemd der Freien Deutschen Jugend und sang das Lied: „Auferstanden
aus Ruinen und der Zukunft zugewandt...“
Im Krieg hatte ich viel Unterricht versäumt und ich war froh, dass dieses
Land mir jetzt die Möglichkeit bot, einiges an Wissen anzueignen.
Durch den Besuch zweier Fachschulen, konnte ich den Beruf einer Kindergärtnerin
und Lehrerin erlangen und vierzig Jahre in meinem Beruf als
Pädagogin arbeiten. Dabei habe ich festgestellt, dass die DDR ein kinderfreundliches
Land war. Es wurde viel für die Bildung und Erziehung der Kinder unternommen. Ich
habe sehr gern meinen Beruf ausgeführt und bin davon überzeugt, dass sich die
DDR für den Frieden einsetzte, denn ich kann sagen, dass ich fünfundvierzig Jahre
in einem Land lebte, das keinen Krieg geführt hat. Mit unseren drei Kindern lebten
wir einfach und bescheiden, wir waren mit dem zufrieden, was wir hatten und der
Urlaub in östlichen Ländern genügte uns. Als im Jahr 1989 dann die Wende eintrat,
war ich einundsechzig Jahr alt und noch in der Schule voll beschäftigt. Jetzt kam ich
mit meinen Anschauungen und Idealen, die ich seit meiner Jugend vertreten hatte, in
Konflikt. Alles, was mir vertraut gewesen war, war plötzlich anders. Ich fühlte mich
von meiner Partei verraten und im Stich gelassen. Ich hatte einige Generationen von
Kindern für Frieden und Menschlichkeit erzogen. Sollte das alles falsch gewesen
sein? Nach der Wiedervereinigung von DDR und BRD lebe ich in einem
kapitalistischen Deutschland. Es wird wieder Krieg geführt, die Reichen werden
immer reicher und die Armen immer ärmer.