Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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CHRISTA KIKELS

Jugendjahre in Radeberg

1954 wohnte ich mit meiner Mutter, die als Wirtschafterin bei einem Bauern arbeitete, in dem 100-Seelen-Dorf Ibanitz. Die Schule befand sich im Nachbarort Staucha, dort schloss ich die 8. Klasse der Grundschule ab. In der Umgebung fanden wir keine Lehrstelle für mich. Meine Schwester Inge hatte in der kleinen Industriestadt Radeberg mehr Glück bei der Lehrstellensuche, und so begann ich am 01.09.1954 meine Lehre zum Möbeltischler im VEB Eschebach Radeberg.

Auf Grund des Lehrvertrages erhielt ich vom Rat der Stadt eine Zuzugsgenehmigung, nun brauchte ich eine Bleibe. Meine neun Jahre ältere Schwester wohnte zur Untermiete und hatte ein sehr schmales, gemütliches Zimmer mit Blick auf den Marktplatz. Wenn ich sie besuchte, schliefen wir zusammen in dem breiten Bett. Es ließ sich aber beim besten Willen kein zweites Bett aufstellen. Deshalb vermieteten uns die Besitzer des Hauses ein anderes Zimmer – besser gesagt: ein Zimmerchen – mit kleinen Fenstern, die auf den Hinterhof schauten. Es war ein schlechter Tausch. Die bloßen Dielen knarrten bei jedem Schritt. Zwei Betten, ein Schrank, ein Tisch und zwei Stühle hatten gerade Platz. Ein winziges Nebengelass mit einer Truhe für Kohlen und Holz sowie einem Gestell mit einer emaillierten Waschschüssel und einem Krug mit Wasser vervollständigten unsere Bleibe. Zur Gemeinschaftstoilette (ein Plumpsklo) mussten wir einen langen Gang durch das ganze Haus gehen. Dort befanden sich auch der Wasserhahn und der Ausguss.

Der September war noch schön warm, und durch die Fenster erreichten uns einige Sonnenstrahlen. Doch bald kamen der Herbst und der Winter. Da ich immer als Erste zu Hause war, hatte ich die Aufgabe, den kleinen Kanonenofen anzuheizen. Anfangs versuchte ich, mit einem Taschenmesser von den Holzscheiten dünne Späne abzuspalten, und schnitt mir ein paar Mal in den Finger. Trotz Verbot nahm ich später heimlich Späne oder Abfallleisten aus der Lehrwerkstatt mit nach Hause. Ich tröpfelte Kerzenwachs auf die Holzleisten, und mit viel Geduld gelang es, mit Papier und weiterem Holz endlich die Kohlen zu entzünden. Wenn der Ofen glühte, wurde es langsam warm im Zimmer. Da konnten wir uns sogar warmes Wasser machen.

Vom Vermieter erhielten wir fürs Abendbrot eine Thermoskanne Tee, fürs Frühstück eine Kanne Malzkaffee und fürs Bett eine Wärmflasche. Diese bekam die eine zuerst zum Anwärmen, die andere durfte sie dann die ganze Nacht behalten. Frühmorgens nutzten wir das lauwarme Wasser zum Waschen, denn das Wasser im Krug hatte oft eine Eisschicht.

Wir waren wahrlich nicht verwöhnt, aber in meiner Erinnerung war das der schlimmste Winter, den ich je erlebt hatte. Richtig warm wurden wir nur im Bett. Zur Unterhaltung besaßen wir ein uraltes Radio. Zwei- bis dreimal in der Woche gingen wir ins Kino, dort war es schön warm, der Eintrittspreis von 65 oder 85 Pfennig war auch für mich als Lehrling bezahlbar.

Wöchentlich zweimal besuchte ich die Berufsschule, dahin kamen viele Lehrlinge aus der Umgebung, so dass wir 32 Schüler in der Klasse zählten. Angelika, das zweite Mädchen meines Lehrjahres, kam aus dem Nachbarort Arnsdorf. Sie war vom Sport befreit, da sie eine schwere Operation an der Schilddrüse überstanden hatte. Nun musste ich allein mit 30 Jungen den Sportunterricht absolvieren, das war wirklich nicht lustig.

Da ich nicht in Radeberg zur Schule gegangen war, kannte ich keine gleichaltrigen Jugendlichen. Anfangs gab es nur meine Schwester. Weil wir nicht immer ins Kino gehen konnten, spielten wir abends Karten. Als Inge ihren Freund mitbrachte, aber weiter auf mich aufpassen musste, brachten sie mir das Skatspielen bei. Das machte mir richtig Spaß, besonders wenn ich gegen die Erwachsenen gewann.

Meine Schwester arbeitete in der Maschinen-Traktoren-Station (MTS). Sie hatte eine Ausbildung zum Traktorist absolviert, sich qualifiziert und war als Dispatcher tätig. Das heißt, sie musste die Einsätze der Traktoristen auf den Feldern der Bauern koordinieren. Ihr Arbeitsplatz befand sich im neuerbauten Kultur- und Sozialgebäude des Betriebes. Da in der MTS auch am Wochenende gearbeitet wurde, war überall geheizt. Ich verbrachte deshalb meist die Wochenenden mit Inge dort, und so konnten wir uns von unserem eiskalten Zimmer erholen. Wir nutzten die warme Dusche und wuschen unsere kleine Wäsche.

Am besten fand ich den Kulturraum, er war gemütlich eingerichtet und wurde meist nur zu Versammlungen genutzt. Dort standen Bücher, ein Klavier und eine Musikbox, wie damals in den Gaststätten. Ohne Groschen hineinwerfen zu müssen, konnte ich eine Schallplatte auswählen, den Knopf drücken, und gleich ertönte die gewählte Lieblingsmelodie.

Zu unserer Mutter nach Ibanitz fuhren wir nur sehr selten. Ein normales Wochenende war für die lange Reisezeit einfach zu kurz: Man musste mit dem Zug von Radeberg nach Dresden-Neustadt, dort umsteigen in den Zug nach Meißen, dann über die Elbebrücke zur Kleinbahn laufen und fuhr dann bis Lommatzsch. Vom Bahnhof waren es noch fünf Kilometer Landstraße bis Ibanitz. Vorher, als ich noch dort wohnte, hatte ich meine Schwester Inge, wenn sie uns einmal besuchte, mit dem Fahrrad abgeholt und wieder weggebracht, damit sie wenigstens den Koffer nicht tragen musste. Aber jetzt standen wir verloren auf dem Bahnsteig und hofften nur, dass die Postkarte, die unseren Besuch ankündigte, rechtzeitig angekommen war und etwas Gutes zu essen auf uns wartete.

Wir konnten erst Sonnabendnachmittag fahren und mussten Sonntagnachmittag wieder zurück. Anfangs bin ich einmal im Monat nach Hause gefahren, doch dann nur noch zu Weihnachten und zu Ostern. Wir besuchten unsere Mutter, aber ein richtiges Zuhause war es für uns nicht mehr. Auch unser ungemütliches Zimmer in Radeberg konnte man nicht als ein Zuhause bezeichnen. Wenn ich gegen 16.00 Uhr dort ankam, wusste ich nichts Rechtes mit mir anzufangen. Ich war 14 Jahre alt, wissbegierig und unternehmungslustig. Zuerst meldete ich mich bei der Volkshochschule zu einem Nähkurs und einem Schreibmaschinenkurs an. Doch da ich zu Hause nicht üben konnte, kam ich dort leider nicht über den Anfängerkurs hinaus.

Bei Veranstaltungen der FDJ-Grundorganisation (FDJ – Freie Deutsche Jugend) meines Betriebes lernte ich andere junge Menschen kennen und erfuhr, dass der Rat der Stadt der Ortsorganisation der FDJ einige Räume des Schlosses als Jugendklub zur Verfügung stellen wollte. Dort waren bisher Flüchtlinge untergebracht, denen Wohnungen angeboten werden konnten. Ich war sofort bereit, im Jugendklub mitzuarbeiten. Die erste Aufgabe bestand im Säubern der Räume. Die jungen Leute, die sich zur Mitarbeit bereit erklärt hatten, kamen aus den verschiedensten Betrieben mit sehr unterschiedlichen Berufen. Im größten Raum, der unser Veranstaltungs- und Tanzsaal werden sollte, befand sich Parkettfußboden. Die Facharbeiter, die sich auskannten, wiesen uns ein. Wir bekamen dicke Glasscherben in die Hand und gingen auf die Knie. Mit etwas Seifenwasser wurde der Schmutz auf dem Holz eingeweicht und dann mit der Glasscherbe abgezogen. Wir bildeten eine lange Reihe, und Brettchen für Brettchen putzten wir das Parkett. Es war sehr mühsam, wir kamen nur sehr langsam voran, aber der Unterschied zwischen dem schmutzigen Fußboden und dem geputzten war enorm. So versammelten sich Abend für Abend Enthusiasten zum Parkettabkratzen, und Stück für Stück wurde es sauber. Und irgendwann waren wir damit fertig.

Danach wurden die Wände, Türen und Fenster gestrichen, und in kleineren Klubräumen kam Tapete an die Wand. Obwohl ich keine Ahnung von diesen Arbeiten hatte, war ich überall dabei und ein gelehriger Hilfsarbeiter. Zur Einweihung unseres Jugendklubs kam der Bürgermeister und beglückwünschte uns. Auszeichnungen, Urkunden und Bücher wurden überreicht, auch ich bekam ein Buch.

Inzwischen waren viele Monate vergangen, ich wurde in die FDJ-Leitung unseres Betriebes gewählt und von dort in die Ortsleitung der Stadt delegiert. Ich hatte viele Freunde gefunden, die FDJ wurde mein zweites Zuhause. Wir organisierten außer Tanznachmittagen und -abenden verschiedene weitere Veranstaltungen in den Räumen des Jugendklubs, so unter anderem Vorträge, Rund-Tisch-Gespräche, Spiele und Wettbewerbe. An den Wochenenden fuhren wir manchmal in das nahe Elbsandsteingebirge.

Zum Pfingstfest 1956 organisierte die FDJ-Kreisleitung Dresden-Land ein Jugendtreffen am Wasserschloss Moritzburg. Mit Fahrrädern machte sich unsere Gruppe auf den Weg. Unweit des Schlosses waren auf einer großen Wiese als Übernachtungsmöglichkeiten viele Viermannzelte aufgebaut. Für die Versorgung standen größere Armeezelte zur Verfügung. Auf einer Bühne gab es ein buntes Programm und am Abend bei wunderschöner Beleuchtung einen romantischen Tanzabend auf allen vier Terrassen rund um das Schloss mit einer jeweils anderen Kapelle. Und wenn diese eine Pause machte, gingen wir um die Ecke zur nächsten Terrasse. Es war eine wunderschöne laue Mainacht, an die ich sehr gern zurückdenke.

Wir engagierten uns natürlich auch politisch und waren Agitatoren der neuen Zeit. Volkskammerwahlen standen vor der Tür. Wenige Tage vor dem Wahltermin wurden einige zuverlässige Jugendfreunde zu einer „Geheimaktion" zusammengerufen. Wir sollten uns um 22.00 Uhr mit Fahrrad und Taschenlampe an einem schwach beleuchteten Ort einfinden. Dort bekamen wir einen Leimtopf, Pinsel und Plakate. Auf den Plakaten, mit einigen lustigen Zeichnungen versehen, stand: „Wählt die Kandidaten der Nationalen Front!" In Zweiergruppen eingeteilt, wurden uns Straßenzüge und Örtlichkeiten genannt. Wir schwärmten dorthin aus und klebten mit Begeisterung die Plakate an die Rathaustür, an viele wichtige staatliche Gebäude, an Geschäfte, Zäune, Litfaßsäulen und überallhin, wo sich ein Platz fand. Am nächsten Morgen war erst einmal große Aufregung in der Stadt, weil Partei-und Sicherheitsorgane von unserer Aktion überrascht worden waren und zuerst eine Provokation vermuteten. Unser FDJ-Sekretär der Ortsleitung musste sich rechtfertigen, aber schließlich wurde die Plakataktion positiv bewertet. Es war auch keine Sachbeschädigung, denn der Tapetenkleister sowie die Plakate ließen sich leicht abwaschen.

Am Wahlsonntag war ich, obwohl erst 16 Jahre alt und noch nicht wahlberechtigt, aktiv im Einsatz und erledigte Boten- und Hilfsdienste. Ein paar Wochen später erhielt ich für meine Aktivitäten die „Philipp-Müller-Medaille".