Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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ANITA REIßMANN

 LOSLASSEN

„Loslassen“ ist ein Thema, über das man nicht nur im Alter nachdenken muss. Was hat man in jüngeren Jahren alles vollbracht, oder wie war der Umgang mit anderen Menschen, den Verwandten, den Freunden? Es gab Trennungen, teils schmerzlich, teils unverständlich, aber man musste loslassen. Wie und warum bin ich z. B. aus meiner Heimatstadt Dresden nach Potsdam gezogen? Viel habe ich erlebt, und viel musste ich schon loslassen können. Da sagt man immer: Je mehr man erlebt, ob Freud oder Leid, desto stärker wird man. Aber wie sieht das im Moment bei mir aus? Heute stehe ich vor einer Entscheidung, die auch Loslassen verlangt. Was ist geschehen?

Mein Sohn Lothar wohnt mit seiner Frau Renate in Stendal. Alle drei Wochen besuchen sie mich in Potsdam, um mir, so gut sie es können, zur Hand zu gehen. Aber mein Sohn ist sehr krank, sein Augenleiden verschlimmert sich immer mehr. Außerdem ist er zuckerkrank. Kann er noch lange Auto fahren, um seine alte Mutter zu besuchen? Meine Überlegung: Da muss ich eben mit meinen 92 Jahren eventuell in ein Pflegeheim nach Stendal ziehen. Darüber sprach ich vor einiger Zeit am Telefon mit meinem Enkel Mario in Jena und seiner Freundin Annemarie, wohnhaft in Naumburg. Beide gehen dort ihrer Arbeit nach. Sie sprachen davon, dass sich Mario vielleicht bald um seinen kranken Vater kümmern muss. Deshalb kam der Vorschlag von ihnen, Lothar mit Renate und ich sollten nach Naumburg ziehen. So wären wir versorgt und unsere Familie beisammen.

Annemaries Mutter Manuela ist von Beruf Krankenpflegerin. Als sie mich anrief, sprachen wir auch über obiges Thema. Sie besitzt in Naumburg ein Haus, und gegenüber befindet sich ein Pflegeheim. Dort gibt es 2-Zimmer-Wohnungen, auch ein Fahrstuhl ist vorhanden. Sollte ich jedoch noch vor dem Umzug dorthin pflegebedürftig werden, könnte ich zu ihr ziehen, Platz gäbe es genug. Manuela arbeitet in einem Altersheim. Ich meinte, sie kann sich ja mal erkundigen, wie lang dort die Wartezeiten sind, bis man einen Platz erhält. Da erfuhr ich, dass ich schon auf der Warteliste stehe! Der Gedanke daran war sehr aufregend, denn einerseits bin ich für einen Umzug nicht so schnell bereit, denn das Loslassen fällt schwer, aber andererseits wäre damit mein Problem gelöst. Ich schätze sehr, dass sie sich in Naumburg um uns Sorgen machen, und dazu kommt noch ihre Hilfsbereitschaft. Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Mit meinem Sohn und meiner Schwiegertochter habe ich kürzlich über einen gemeinsamen Umzug gesprochen. Sie wären sofort bereit, nach Naumburg zu ziehen.

Inzwischen ist einige Zeit vergangen, und es hat sich so manches ereignet. Mein Enkel Mario ist mit seiner Freundin Annemarie zusammen in eine Naumburger Wohnung gezogen. Und mein Sohn Lothar zieht mit seiner Renate am 18. Mai 2020 nach Naumburg. Und wie sieht es bei mir aus? Ich brauche noch ein bisschen Zeit, aber ich weiß: Loslassen kann auch ein Gewinn sein. Ich verlasse zwar Potsdam und meine Bekannten dort, aber ich gewinne das Zusammenleben mit meiner Familie.