Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"

       

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MEIN WEG ZUR ARBEITER- UND BAUERNFAKULTÄT , 1957 (

„Christa, Du sollst zum Kaderleiter kommen“, sagte der Lehrausbilder zu mir. Ich

war kaum erstaunt, denn in einer Woche war unsere Lehrzeit zum Möbeltischler zu

Ende. Nun wurden mit uns angehenden Facharbeitern Gespräche zum weiteren Einsatz

in einem Produktionsbereich des VEB Küchenmöbelfabrik Radeberg geführt. Aber

beschäftigt sich damit der Kaderleiter? War da nicht der Meister zuständig?

Zaghaft klopfte ich beim Kaderleiter an die Tür, er begrüßte mich freundlich und sagte:

„Deine Zensuren in der Berufsschule sind sehr

gut und im Praktischen sieht es auch nicht schlecht aus. Was hast Du für Pläne? Wie hast Du

Dir Deine Zukunft vorgestellt?“.

„Ich würde sehr gern in der großen Maschinenhalle arbeiten“, sagte ich etwas schüchtern.

Aber das meinte er nicht. „Im September beginnt das neue Schuljahr und Du hast die besten

Voraussetzungen, weiter zu lernen. Ich möchte Dir den Besuch der Arbeiter- und

Bauernfakultät vorschlagen.“

Da ich ihn recht erstaunt anschaute, begann er zu erklären:

„Die Arbeiter- und Bauernfakultät ist wie eine Oberschule, nur für Jugendliche wie Dich, die

erst einen Beruf gelernt haben und sehr gute Leistungen zeigen. An der ABF legt man das

Abitur ab.“ „Und was bin ich dann mit dem Abitur?“, fragte ich.

„Das Abitur ist ein Schulabschluss und die Voraussetzung für ein Studium an einer

Universität oder Hochschule. Damit nicht nur die Kinder der Intelligenz und der

Mittelschicht, die heute hauptsächlich die Oberschulen besuchen, studieren, wurde diese

Möglichkeit zur Erlangung der Hochschulreife für Arbeiter- und Bauernkinder geschaffen.

Mit dem Abitur hast du dann alle beruflichen Möglichkeiten, Du kannst dich bewerben für

Medizin, Jura, Sprachen, Pädagogik oder ein Ingenieurtechnisches Studium.“

Das alles war für mich völlig neu, deshalb fragte ich: „Wie lange dauert das Studieren?“.

„Bis zum Abitur brauchst Du drei Jahre. Das Studium danach richtet sich nach der

Fachrichtung, mindestens sind es vier Jahre, oft auch länger“.

Ich muss recht niedergeschlagen ausgesehen haben, denn er meinte: “Warum soll es nicht

gehen? Klar, sieben Jahre sind eine lange Zeit. Aber Du bist erst 16, das Leben liegt vor Dir.“

Ich schaute ihn resignierend an und fragte nur: “Wovon soll ich denn leben? Meine Mutter

rechnet fest damit, dass ich bald eigenes Geld verdiene. Sie hat doch nur 200,00 Mark im

Monat.“

Lächelnd meinte er: „Da brauchst Du keine Angst zu haben. Als Studentin der ABF

bekommst Du ein Stipendium von etwa 180,- Mark.

Da wir Dich vom Betrieb delegieren, erhältst Du 30,- Mark Büchergeld im Halbjahr.

Und wenn Du willst, kannst Du in den Semesterferien hier im Betrieb arbeiten und Dir etwas

dazuverdienen.“

Ich sah ihn sehr ungläubig und staunend an, das sollte wirklich wahr sein. Ich könnte weiter

lernen, würde dafür Geld erhalten, ohne zu arbeiten.

Er gab mir ein Antragsformular und sagte, dass ich zu Hause in Ruhe alles überdenken und

mich mit meiner Familie beraten sollte. Nächste Woche war die Übergabe der

Facharbeiterzeugnisse, da wollte er mit meiner Mutter sprechen.

Ich lief wie im Traum nach Hause, denn ich hatte Feuer gefangen und war stolz, dass man mir

ein Studium zutraute. Lust weiter zu lernen hatte ich auf jeden Fall, aber wie sage ich es

meiner Mutter? Mein Vater war im Krieg geblieben. In unserer Familie und der ganzen

Verwandtschaft hatte noch niemand ein Studium absolviert.

Meine Mutter und meine neun Jahre ältere Schwester dämpften auch sogleich meine

Begeisterung mit den Worten: “Erst wollen wir mal Dein Zeugnis sehen!“.

So musste ich bis Mittwoch, den 28.Februar 1957, der feierlichen Übergabe der

Facharbeiterzeugnisse warten.

Der Speisesaal war gut gefüllt. Eltern und weitere Angehörige der angehenden Möbeltischler

waren der Einladung gefolgt.

Als Beste des Jahrgangs bekam ich eine Prämie von 30,00 Mark, ein dickes Buch und viele

lobende Worte.

Besser hätte ich meine Mutter und meine Schwester nicht überzeugen können.

Später kam der Kaderleiter an unseren Tisch und brauchte nicht mehr viel Überredungskunst

zu leisten. Meine Mutter setzte ihre Unterschrift unter den Antrag, den ich bereits sorgfältig

ausgefüllt hatte.

Nach etwa vier Wochen erhielt ich eine Einladung zur Aufnahmeprüfung nach Dresden.

Ich bekam einen halben Tag frei, denn es war ein Sonnabend.

Ein Diktat, ein Aufsatz und umfangreiche Mathematikaufgaben waren zu lösen, zum Schluss

sollten wir unseren Studienwunsch angeben und begründen. Mein heimlicher Wunsch war es,

Mathematiklehrerin zu werden, das schrieb ich auf.

Nach fünf Wochen bangen Wartens hielt ich meine Zulassung zum Studium in den Händen.

Was mich und meine Familie wieder ins Grübeln brachte war die Tatsache, dass nicht

Dresden sondern Potsdam der Studienort sein sollte.

Es dauerte auch gar nicht lange, da kam ein Brief von dort. Sie fragten an, ob ich mit einer

„Immatrikulation“ an der ABF Potsdam einverstanden wäre. Ich hatte keine Ahnung, was das

Wort „Immatrikulation“ bedeuten sollte, ein Lexikon besaßen wir damals noch nicht.

So nahm ich all meinen Mut zusammen und klingelte bei meiner ehemaligen Deutschlehrerin.

Sie staunte über meinen Besuch, freute sich aber als sie mein Anliegen erfuhr. Sie erklärte mir

alles und beglückwünschte mich zum Studium.

So reiste ich erstmals am 01.09.1957 mit gerade 17 Jahren in diese mir fremde Stadt.

In Schönefeld wurden die Personalausweise geprüft. In Berlin Ost-Bahnhof stieg ich in die SBahn

nach Potsdam um, die damals noch durch Westberlin fuhr. Vom Potsdamer S-Bahnhof

ging es mit der Straßenbahn durch schmale Straßen und enge Kurven. Ängstlich schaute ich

zu den Figuren hinauf, die auf der steil aufragenden Mauer der Schlossruine standen. Viele

Ruinen und halbzerbombte Häuser waren zu sehen, ich kannte ähnliches von Dresden. Am

Platz der Nationen stieg ich aus und ging zur Hegelallee, wie es auf der Einladung

beschrieben war.

In dem riesigen Schulgebäude schwirrte es wie in einem Bienenhaus. Ich fand den

angegebenen Raum und mein Name stand auf der Liste. Ich war angekommen in der

Arbeiter- und Bauernfakultät Potsdam.