Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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CHRISTA KIKELS

Onkel Werner

Immer, wenn ich am Platz der Einheit in Potsdam am Denkmal für den unbekannten Deserteur vorbeikomme, muss ich an meinen Onkel Werner denken, denn es wurde auch für ihn errichtet.

Eigentlich sollte diese von Mehmet Aksoy 1989 geschaffene Skulptur auf dem Friedensplatz in Bonn stehen, doch das dortige Stadtparlament lehnte die dauerhafte Aufstellung ab. Nach einer wechselvollen und konfliktreichen Ausstellungsgeschichte konnte das weiße Marmor-Monument in der Bonner Partnerstadt Potsdam eine ständige Heimstatt finden, und zwar auf dem Platz der Einheit. Das hatten die Stadtverordneten 1997 mit 100 zu 8 Stimmen beschlossen.

Mein Onkel Werner, Jahrgang 1916, war der Ehemann einer jüngeren Schwester meiner Mutter und musste bald in den Krieg. Im Jahre 1944 erhielt die Familie die Nachricht von seinem Tod. Aber im Frühjahr 1949 traute eine andere Schwester meiner Mutter, die als Schaffnerin bei der Deutschen Reichsbahn arbeitete, ihren Augen kaum, als sie ihren totgeglaubten Schwager Werner aus dem Zug steigen sah.

Erst viele Jahre später sprach Onkel Werner über einige seiner Kriegserlebnisse. So erzählte er, dass er in einem britischen Internierungslager in Ägypten war und von dort 1949 nach Hause entlassen wurde. Von seinen Aktivitäten zwischen 1944 und 1945 hatte er nur in seiner engeren Familie berichtet. Ich erfuhr erst vor kurzem davon.

Was ich nicht wusste: 1985 war in der Tageszeitung „Neues Deutschland" in einer ganzseitigen Reportage über den heldenhaften Kampf der griechischen Partisanen gegen die deutschen Okkupanten geschrieben worden. Daraufhin hatte Onkel Werner einen Leserbrief an die Zeitung geschickt, in dem es unter anderem hieß: „Nachdem ich die Grausamkeiten des Faschismus kennenlernte, habe ich als Soldat in Griechenland im September 1944 den Weg zu den Partisanen gesucht. Bei der gemeinsamen Räumung der Minenfelder… fand ich ihr Vertrauen. In ihren Reihen habe ich dann als Propagandist gearbeitet, vor den Stützpunkten der Faschisten forderte ich die deutschen Soldaten auf, die Waffen niederzulegen und dem Krieg ein Ende zu setzen."

Dieser Schritt war für ihn ein großes Wagnis und hat sein ganzes künftiges Leben entscheidend verändert. Fortan setzte er sich vielfältig für die Erhaltung des Friedens ein, arbeitete im Betrieb und im Wohngebiet bis ins hohe Alter in verschiedenen Gremien aktiv mit.

Erst nach seinem Tod, als im Juli 2016 im „Neuen Deutschland" in einer erneuten Reportage über Griechenland der Name meines Onkels auftauchte, fragte ich bei der Redaktion nach und hörte von seinem mutigen Einsatz während des Krieges. Nun wurde mir auch klar, warum die faschistische Wehrmacht ihn 1944 für tot hatte erklären lassen und warum er nicht in Gefangenschaft, sondern in ein britisches Internierungslager gekommen war.

Für mich ist es gut zu wissen, dass es in meiner Nähe einen Menschen gab, der aktiv gegen die Faschisten kämpfte. Ich bin stolz auf meinen Onkel Werner.