Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"

       

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Opas Verhängnis

Mein Großvater war Jahrgang 1885 und verehrte

„seinen“ Kaiser Wilhelm II. Für den ging er auch in den

Krieg – und kam heil zurück. „Sein“ sächsischer König,

der damals mit den Worten abdankte: „macht doch eiern

Dreck alleene“, hinterließ eher weniger Spuren in

seinem Gedächtnis.

Opa begann ab 1918 in Leipzig ein Ladengeschäft für

Elektrowaren aufzubauen. Er selbst legte Leitungen für

Fernsprecher, die noch an der Wand hingen, und bildete

Lehrlinge aus. Seine Frau „schmiss“ den Laden, die

beiden Töchter besuchten die Handelsschule nach dem

üblichen Volksschulabschluss. Mit viel Fleiß erarbeitete

sich die Familie den Besitz von zwei dreistöckigen

Mietshäusern. Sie sollten später die Rentengrundlage

für die Alten und das Erbe für die Töchter sein.

Trotz aller wirtschaftlichen und politischen

Schwankungen war der Grundbesitz bis 1935 abbezahlt.

Erst zu dieser Zeit nahm ich meinen Opa bewusst wahr.

Er wurde gerade Rentner und gab sein Geschäft an die

älteste Tochter weiter. Er erzählte mir viel vom Kaiser.

Sein absoluter Lieblingsgesang war: „Wir wollen unsern

alten Kaiser Wilhelm wieder hab`n, trari, trara…“.

Mit den Nazis konnte er sich nicht anfreunden, alles

kritisierte er, leider oft unbedacht und lauthals. Viel Zeit

verbrachte er in seinem Schrebergarten, führte auch

noch kleinere Reparaturen an Klingelanlagen aus und

fütterte seinen Goldfisch im Glas. Einmal in der Woche

ging er zum Stammtisch zu Bier und Skat. In seinen

zwei Mietshäusern achtete er auf Ordnung und

Sauberkeit. Da seine Ehefrau nicht sehr gesprächig war,

legte er sich einen Wellensittich zu, einen sehr

gelehrigen Vogel.

Der übte alsbald lautgetreu das Vokabular seines Herrn,

was diesem fast zum Verhängnis wurde.

Einmal im Monat kamen die Mieter der Häuser mit dem

Mietzins. Opa thronte in der guten Stube am großen

Tisch mit dem ordentlich geführten Einnahmebuch und

nahm Klagen und Beschwerden oder Dank samt Geld in

Empfang. Und der Wellensittich beteiligte sich gern

lautstark am Gespräch. So konnte man es im

Hintergrund schnarren hören: „Heil Hitler, diese

Verbrecher, diese Halunken, alle aufhängen, aufhängen.“

Die Familie musste den Opa erst aufklären, wie

gefährlich und staatsfeindlich solche Äußerungen waren

– und so hatten wir einmal im Monat einen schwer um

erziehbaren geflügelten Genossen zu Besuch.