Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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ANITA REIßMANN

Theaterfahrten nach Berlin zum Kurfürstendamm

Es war für mich als Potsdamerin immer ein großes Ereignis, die Theater in Berlin zu besuchen. Nach der Wende war es nun auch möglich, die Komödie und das Theater am Ku‘damm in die Theaterabende einzubeziehen. Wie es dazu kam, dass auch andere ältere Theaterinteressierte aus Potsdam daran teilnehmen konnten?

Anfang der 90er Jahre war ich Mitglied der Volkssolidarität Ortsgruppe Babelsberg und arbeitete im Vorstand mit. Der Wunsch von einigen Mitgliedern wurde laut, dass sie zu Theateraufführungen nach Berlin fahren möchten. Ich erfuhr, dass das Neumann-Reisebüro in Potsdam Theaterbusfahrten zum Ku‘damm im Angebot hat, jedoch die Abfahrt vom „Platz der Nationen" (heute „Luisenplatz") erfolgt. Wie sollten unsere älteren Menschen, teilweise gehbehindert, zu dem Stellplatz kommen bzw. nach der Rückfahrt nachts von der Potsdamer Stadtmitte zu unserem Wohngebiet gelangen?

Ich wurde bei dem Chef dieses Reisebüros vorstellig, berichtete von unseren Wünschen, äußerte damit verbunden meine Bedenken und fragte: „Könnten Sie uns vielleicht doch von zu Hause abholen?" Ich kann mich erinnern, wie er lachte und meinte, das hätten sie ja noch nie gemacht. Dann kam jedoch die Zusage. Für mich begann die Organisation. Der Tag der Aufführung war bekannt, nun musste ermittelt werden, wer mitfährt. Die Gruppenleiter kassierten den Betrag, der bei mir mit Namenslisten abgegeben wurde. Die Kartenstückzahl bestellte ich bei der Theaterkasse telefonisch. Das Problem war. Ich hätte sie 10 Tage vor der Aufführung gegen Bezahlung in Berlin abholen müssen. Dort kam man mir entgegen, sodass ich die Karten erst am Abend der Vorstellung bezahlte und ausgehändigt bekam. Meine Verhandlungspartnerin in Berlin war Frau Salomon, bei der ich sogar eine Kundenkarte besaß. Bei den zwei verschiedenen Theatern auf dem Ku‘damm suchte ich mir eine Aufführung aus, wo dann immer Frau Salomon alles Erforderliche mit mir abwickelte.

So fand das jahrelang statt. Am Theaterabend stand unser Bus in der Stahnsdorfer Straße rechtzeitig bereit, und wir wurden bis vor das Berliner Theater gefahren. Keiner stieg aus, bis ich mit den Eintrittskarten zurückkam und sie verteilte. Da gab es mitunter auch Applaus. Jacken oder Mäntel konnten im Bus bleiben. Nach der Aufführung stand er schon für uns bereit. Allen hatte es wieder gefallen, sie waren zufrieden, und zu vorgerückter Stunde fuhren wir heimwärts. Es war ein Genuss, durch die bunt beleuchteten Straßen von Berlin gefahren zu werden, bis wir schließlich an unserem Ziel, der Stahnsdorfer Straße, ankamen. Alle strebten ihren Wohnungen zu, und ich stand plötzlich allein da, ging bis zu meiner Wohnung im dunklen Hinterhof und fühlte mich einsam. Vielleicht war vorher einfach zu viel Jubel und Stress gewesen? Aber dann war die nächste Vorstellung in Aussicht, mit Freude ging alles wieder von vorn los.

Ab und zu hatte ich mit Herrn West vom Neumann-Reisebüro zu tun. Eines Tages bekam ich von ihm eine Einladung zu einer Tagesfahrt. War das eine Überraschung und Freude! Neben mir im Bus saß Frau Salomon. Wir fuhren in den Harz an wunderschönen Landschaften vorbei bis nach Wernigerode. Eine bleibende Erinnerung daran sind die vielen Fotos, denn mein Fotoapparat war immer in Bewegung.

Ja, es war schon alles stressig, weil ich zu dieser Zeit noch meinen Beruf als Sekretärin ausführte. Doch genauso hätte es noch lange weitergehen können. Aber plötzlich bekam ich von meinem Vermieter die Nachricht, dass ich und alle anderen aus unserem Wohnhaus ausziehen müssen. Fast 20 Jahre hatte ich in Babelsberg in der hübschen kleinen Dachwohnung mit dem dazugehörigen Garten gewohnt und mich dort sehr wohl gefühlt. Nun ging ich auf die Suche und fand eine Wohnung in Drewitz im Neubaugebiet Kirchsteigfeld. Es fühlte sich an wie ein Fünfer im Lotto: Fernheizung und viele andere Annehmlichkeiten.

Was sollte nun aus den Theaterfahrten werden? Zahlreiche Theaterfreunde baten mich, diese Fahrten beizubehalten. Ich sprach darüber mit Herrn West, und er fand eine Lösung. Eine neue Gruppe der Volkssolidarität wurde im Kirchsteigfeld ins Leben gerufen, wo ich auch wieder im Vorstand tätig war. Es gab hier sehr viele Theaterliebhaber, die ebenfalls gern mit nach Berlin fahren wollten. Aber alle hätten nicht in unseren Bus gepasst. Uns wurde daraufhin vom Neumann-Reisebüro ein Doppelstockbus zur Verfügung gestellt. Die Arbeit für mich war sehr zeitaufwändig, denn im neuen Stadtgebiet musste ich die Theatergelder selbst zusammentragen und mit den Gruppenleitern in Babelsberg, wie auch immer, in Verbindung bleiben. Bei diesem Stress musste ich die Nerven behalten und genau auf meiner Liste die Anwesenden abhaken, dass auch keiner fehlt.

Und dann fand etwas Unvorhergesehenes statt: Das Neumann-Reisebüro wurde geschlossen, was ich sehr bedauerte. Zwar fand ich ein anderes Reiseunternehmen, wir fuhren weiterhin nach Berlin, aber die Stimmung war nicht mehr dieselbe wie in den Jahren zuvor, und vor allem war es nicht mehr so bequem.

Inzwischen ist diese Ära schon seit vielen Jahren zu Ende, denn ich beziehe längst meine Rente und wohne nun auch schon über 20 Jahre im Kirchsteigfeld. Es war eine schöne Zeit mit diesen Theaterbusfahrten, an die ich mich noch gern erinnere.