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Federhalter und Mistgabel

Immer, wenn es im Bildungssystem der DDR Neuerungen gab, betrafen diese

meinen Schuljahrgang. 1962 hieß die Idee „Abitur und Berufsausbildung“. Die

Variante „Berufsausbildung mit Abitur“ war bereits hinlänglich bekannt. Sie

ermöglichte es den Abgängern der 10. Klassen, neben der Berufsausbildung im

Abendstudium das Abitur abzulegen. Wir „richtigen“ Oberschüler sahen etwas

herablassend auf diejenigen, die diese Ausbildungsform gewählt hatten. Das war

doch kein echtes Abitur, das man innerhalb von drei Jahren ablegen konnte, ohne

Sport, Musik, Kunst und ein paar andere Fächer.

Für uns hieß es also „Abitur und Berufsausbildung“. Das bedeutete jeweils drei

Wochen normalen Unterricht und dann eine Woche Ausbildung in einem Betrieb. Wir,

also die „Versuchskaninchen“, hatten wenige Möglichkeiten. Wir konnten uns

entscheiden zwischen einer Lehre auf dem Bau, im Elektromotorenwerk oder in der

Landwirtschaft. Ziel war es, den zukünftigen „Geistesarbeitern“ das echte Leben zu

zeigen und den ein oder anderen für ein Studium auf einschlägigem Gebiet zu

begeistern.

Ich wählte die Landwirtschaft. In den ersten zwei Jahren durchliefen wie „Neubauern“

alle Abteilungen, die es in unserem Ausbildungsbetrieb gab. Angetan mit blauer

Latzhose, kariertem Hemd und Gummistiefeln traten wir morgens oft sehr früh zur

Arbeit an, stets begleitet von den argwöhnischen Blicken der anderen Lehrlinge.

Ställe ausmisten, Kühe melken, Pferde striegeln, Schweine impfen und Hühner

schlachten – das gehörte in die Abteilung Viehzucht und war mir nicht sehr

sympathisch. Aber auch Rüben hacken, Kartoffeln lesen, Futterrüben ernten, Mieten

anlegen und Strohballen binden, in der Schmiede helfen und den Kornboden fegen

waren ungewohnte und anstrengende Tätigkeiten, die wir so gut es ging meisterten.

Die Obsternte allerdings entschädigte uns für alle Strapazen. Es gab auch

theoretischen Unterricht, der mir ziemlich langweilig erschien.

Den Abschluss der Grundausbildung bildete der Erwerb der Fahrerlaubnis für den

Traktor „Pionier“.

Dann folgte die zweijährige Fachausbildung. Meine Entscheidung stand vom ersten

Tag an fest: Ackerbau. Mit Grauen dachte ich an das Hühnerschlachten, wobei ich

erst beim dritten Schlag den Hals vom Kopf trennen konnte, das flatternde Tier vor

Schreck losließ und es ohne Kopf und stark blutend noch eine Runde um den Hof

taumelte. Nein, das nicht! Lieber zu Getreide und Kartoffeln, zu Rüben und Kohl, zu

Äpfeln, Kirschen und Erdbeeren. Die ungewohnte Arbeit war oft schwer, aber es gab

auch äußerst beliebte. Dazu gehörte Weizen selektieren, also fremde Pflanzen aus

dem Weizenfeld entfernen. Solche kamen selten vor. Wir zogen ins sommerwarme

Feld, kaum vom Rain nicht mehr zu sehen, legten wir uns in die Furchen und

sonnten uns. Wurde das Mittagessen gebracht, waren wir mit einem Büschel Gras im

Arm auf dem Rückweg.

Weil ich die Traktorprüfung beim ersten Anlauf bestanden hatte, wurde ich des

Öfteren der technischen Abteilung zugeteilt, was eine Art Auszeichnung und auch

eine Vertrauensstellung war. So durfte ich ganz allein mit dem Traktor aufs Feld

fahren. Angekoppelt waren die Pflugschare, die Scheibeneggen oder der Grubber.

Die Felder lagen in größerem Abstand vom Dorf entfernt. Weit und breit war keine

Menschenseele zu sehen, nur ab und zu huschte eine Feldmaus aus den Furchen,

ein Raubvogel flog auf. Ich genoss die unendliche Weite der Felder, die bis an den

Horizont zu reichen schienen, die Einsamkeit und die Stille, die mich umgab und nur

vom gleichmäßigen Motorengeräusch des Traktors unterbrochen wurde. Hier war ich

der Herr über Maschine und Natur. Der graubraune Acker verwandelte sich hinter mir

in dunkelbraune, glänzende Schollen, Furche um Furche, die in schnurgeraden

Reihen von einem Feldrand zum anderen reichten. Ich liebte diese Arbeit und kam

oft später als vereinbart auf den Hof zurück.

Mit dem Mähdrescher hatte ich allerdings nicht so viel Erfolg, und ich gab den

Versuch, ihn durch das schmale Hoftor zu manövrieren, nach dem dritten Anlauf auf

Nach vier Jahren Ausbildung legten wir die Facharbeiterprüfung ab. Sie bestand aus

einer mündlichen Prüfung in den Fächern Theorie und Praxis, in einer praktischen

Prüfung und einer schriftlichen Hausarbeit. Mein Thema, das mir absolut nicht gefiel,

beschäftigte sich mit Wintergerste.

Im Jahr 1966 verließ ich Berufschule und Erweiterte Oberschule und nun bin ich

Facharbeiter für Agrotechnik mit Diplom in Germanistik und Anglistik.

Viele Schüler unseres Jahrganges, die damals auf dem Bau gelernt hatten,

studierten später Architektur oder Bauingenieurswesen, die aus dem

Elektromotorenwerk einschlägige Fachrichtungen und nur einer von uns Agronomie.

Damit war das Ziel erreicht.

Ich bin also kein Landwirt geworden, aber die Ausbildungszeit im VEG Saatzucht

Derenburg bedeutete eine intensive, lehrreiche und auch angenehme Erfahrung für

mich.