Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"

       

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Inferno
Ersticktes Weinen eines Kindes, das seine Händchen angstvoll
auf den Mund presst. Qualvolles Schluchzen einer Frau, die in
einer Ecke zusammengekauert sitzt. Unverständliche Worte
eines alten Mannes, die Gebet oder Verfluchung sein können.
Sonst Stille, angstvoll quälende Stille, die erdrückt.
Urplötzlich sind das ohrenmarternde Dröhnen der Fiegerabwehrkanonen,
die Detonationen berstender Bomben, die den
Boden unter unseren Füßen erzittern und die Wände des
Schutzraumes schwanken ließen, vorbei. Riss nicht noch vor
einigen Minuten der Luftdruck einer Explosion in unmittelbarer
Nähe die Stahltür am Eingang aus ihren Angeln, schleuderte
sie in den Raum und trieb einen Schwall aus Gasen, Rauch und
Ziegelstaub, der den Atem nahm, in den Keller hinein? War
nicht noch vor kurzem dieser Luftschutzkeller von Angst- und
Hilfeschreien erfüllt, drohte Hysterie und Panik auszubrechen,
wollte der Molloch Krieg, dem wir schutzlos ausgeliefert waren,
auch uns verschlingen?
Und nun diese lähmende Stille!
Allmählich weicht die Erstarrung. Jemand zündet mit noch zitternden
Händen eine Kerze an, denn während des Luftangriffes
waren die Glühlampen erloschen.
Ein Geräusch, das sich wie Sturmwind anhört, drängt von
draußen zu uns herein, wird stärker und auch bewusster wahrgenommen.
Im schwachen Licht der Kerze sehe ich, wie meine
Mutter mit ihren Armen meine beiden jüngeren Schwestern
umklammert, ihre Köpfe fest an sich presst, als könne sie sie
so vor all dem Grauenvollen bewahren.
Das alles wahrnehmend stehe ich, ein Fünfzehnjähriger, wie
versteinert da. Nie gekannte Angst lähmt mich.
Ein Schrei gellt durch die Schutzräume: „Die ganze Straße
brennt!“ Sekundenlang Totenstille, dann ein tumultartiges Durcheinander
von Fragen, Rufen, Schreien. Alles stürmt, drängt zum
Ausgang. Jeder will vor dem anderen ins Freie. Wie von einem
Sog erfasst, wird man mitgerissen. Draußen sehe ich, dass es
im Nebenhaus, etwa 20 Meter von unserem Luftschutzkeller,
eingeschlagen hat. Die beiden oberen Etagen des dreistöckigen
Wohngebäudes sind durch eine Bombe fast völlig weggerissen.
Schutt, Balken, Steine, Dachziegel und Glasscherben
liegen überall, wohin man tritt. Die Häuserzeile, die auf der
gegenüberliegenden Straßenseite stand, brennt. Hohe Flammen,
angepeitscht von einem Feuersturm, schlagen aus den
Dächern und Fensterhöhlen. Funkenwolken wirbeln durch die
Luft und fallen feuerprasselnd zu Boden, Entflammbares in
Brand setzend.
Drei Häuser scheinen verschont, darunter auch das, in dem wir
wohnen. Ich sehe, wie eine Nachbarin über die Straße und in
das Haus läuft. Das gibt mir den Mut, ebenfalls über den etwa
50 Meter breiten Rasenplatz und die Fahrbahn durch den Funkenregen
zu laufen.
Funken, die mich getroffen haben, ausschlagend, renne ich
durch den qualmenden Hausflur, die Treppen hinauf zum zweiten
Stock. Rauch hindert am Atmen und lässt mich keuchen.
Die Wohnungstür ist nicht mehr vorhanden. In der Küche scheint
alles in Ordnung. Doch dann sehe ich, dass im Schlafzimmer
der Kleiderschrank, die Waschkommode und die Betten brennen.
Fast unbewusst, wie man es uns bei Luftschutzübungen
beigebracht hat, laufe ich nach im Flur stehenden Löscheimern
und schütte ihren Inhalt in das Feuer. Auch das Wasser der beiden
letzten Eimer zeigt keine Wirkung. Aus dem Wasserhahn
in der Küche fließt kein Tropfen. Irgendwo haben Bomben die
Wasserrohre zerfetzt.
Die Angst ergreift mich wieder. Schreien, weglaufen? Wie blind
fasse ich nach irgend etwas, um es zu retten, stürze die Treppen
hinunter, aus dem Haus hinüber zum Luftschutzkeller. Hier
erst wird mir bewusst, was ich „gerettet“ habe: den Puppenwagen
meiner Schwester.
Allen Mut zusammennehmend renne ich noch einmal zurück
in das Haus Schlenhofstraße 81. In der kurzen Zeit, die vergangen
ist, hat sich das Feuer weiter ausgebreitet.
In einen Wäschekorb, den ich finde, werfe ich alle Lebensmittel
hinein, die ich ergreifen kann, und packe noch einiges Gerät
dazu, das mir in die Hände kommt. Im Schlafzimmer stürzt ein
Teil der Zimmerdecke ein. Jemand ruft mir zu: „Bloß raus hier!
Das Feuer greift schon auf das Treppenhaus über!“
Wieder das keuchende Rennen durch die Funken, diesmal mit
größerer Last. Meine Oberbekleidung bekommt Brandlöcher.
Im Nacken und an den Händen schmerzen die Stellen, die von
den glimmenden Teilchen getroffen wurden. Als ich mich umdrehe,
lodern auch aus den Fenstern der oberen Stockwerke und
aus dem Dach des Hauses die Flammen.
Wieder im Schutzraum, setze ich mich neben Mutter und
Schwestern. Ich will heulen, kann aber nicht. Hals und Brust
sind wie zugeschnürt.
Mit vielen Bitten hatte Mutter eine der wenigen vorhandenen
Luftschutzpritschen erkämpft, auf der nun die vor Erschöpfung
eingeschlafenen Mädchen liegen. Klagendes Wimmern wie von
einem kleinen, gequälten Tier kommt aus dem Mund der vierjährigen
Thea. Auch Christa, die Neunjährige, scheint noch im
Unterbewusstsein von den schrecklichen Erlebnissen verfolgt
zu werden, wenn sie mit leisen Schreien aufschreckt.
Auf der Bank neben der Pritsche sitzt unsere Mutter, vorgebeugt,
das Gesicht in ihren Händen vergraben. Ihre Brust bebt
unter ihrem lautlosen Weinen. Sie, die mir immer so stark und
resolut erschienen war, höre ich mit verzweifelter Stimme fragen:
„Was soll nun aus uns werden?“
* * *
Auch 55 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Erinnerung
an seine Schrecken nicht verblasst. 2000