Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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MARIETA GEHLMANN

Lokschuppen alias „Lokzirkus“

2019 interessierte mich ein Artikel in der kostenfrei zugestellten Zeitung „Potsdam am Sonntag“ mit der Überschrift: „Mieter für Lokzirkus gesucht.“ Der Untertitel lautete: „Investor für Industriedenkmal muss umplanen.“

Mit diesem „Lokzirkus“ verbinde ich schöne Erinnerungen aus meiner Kindheit sowie der jüngeren Vergangenheit. Der „Lokzirkus“ – eine große, runde Montagehalle mit Kuppel – steht auf dem historischen Gelände der ehemaligen Firma Orenstein & Koppel, ab 1948 dann VEB Lokomotivbau „Karl Marx“ in Potsdam-Babelsberg. Hier wurden von 1950 an Diesellokomotiven hergestellt. Ab 1957 bis Mitte der sechziger Jahre arbeitete mein Vater in diesem Werk.

Als ich 1964 die fünfte Klasse besuchte, organisierte er dort für uns Schülerinnen und Schüler einen Pioniernachmittag. Wir gingen mit ihm in den Ringlokschuppen, so wurde das runde Gebäude damals genannt, wo die Lokomotiven in Fließfertigung hergestellt wurden. Was für ein Erlebnis, als wir die Erlaubnis erhielten, in den Führerstand einer dort stehenden Lok klettern zu dürfen. Die riesige runde Halle mit den großen Lokomotiven hat uns Kinder sehr beeindruckt.

Daran musste ich denken, als meine Schwester 1992 Karten für die Fernseh-Show „Bio’s Bahnhof Potsdam“ besorgen konnte. Am Vorabend des 3.Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, wurde von der beliebten Fernsehserie „Bio’s Bahnhof“ eine Sonderausgabe aus den neuen Ländern ausgestrahlt. Da wir ganz in der Nähe des Veranstaltungsortes, es war der alte Ringlokschuppen, wohnen, konnten wir dorthin laufen und waren gespannt, was wir erleben würden: Ein alter Schienenstrang quer durch die ganze Halle, rechts und links davon Bahnsteige als Bühnen aufgebaut. Wir, die Zuschauer, sahen das alles direkt vor uns. Uns erwartete ein Live-Programm mit Musik und Unterhaltung, moderiert von Alfred Biolek. Wer an diesem Abend als Künstler oder Politiker eingeladen worden war, wusste man vorher nicht.

Die Sendung begann, indem eine Dampflok in den „Zirkus“ einfuhr und Biolek im Führerstand freudestrahlend diese Sonderausgabe eröffnete. Man sah ihm an, dass er selbst von der Atmosphäre sehr bewegt war. Obwohl seine langjährige Serie „Bio’s Bahnhof“ hieß, war er sonst nie mit einem Zug angekommen. In Potsdam auch für ihn einmalig. In einem Interview mit der „Potsdamer Morgenpost“, das am 28. August 1992 erschienen war, schwärmte er bei der Ankündigung der Show, die im ORB (Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg) ausgestrahlt werden sollte: „Besser hätten wir nicht in’s schwarze Loch treffen können, die ‚Zirkushalle‘ – größte freitragende Kuppel Europas – umgibt sich mit dem Flair eines Bahnhofs nicht nur wegen ihrer Vergangenheit. Als wir die Schienen für die Lokomotive in der Halle sahen, da war es um uns geschehen…“

Nach der besonderen Eröffnung von „Bio’s Bahnhof Potsdam“ erwiesen sich auch die folgenden Programmpunkte allesamt als Highlights. Dampf und ohrenbetäubendes Pfeifen kündigten die Mimi aus der Oper „La Boheme“ von Giacomo Puccini an, die dann mit der Dampflok, Baujahr 1916, auf den Schienen mitten durch das Publikum fuhr und ihre Arie sang, begleitet von den Brandenburger Symphonikern. Dem folgten Auftritte der „Prinzen“, von Annie Lennox, Nina Hagen, Udo Lindenberg und Max Raabe mit seinem Palast Orchester. Es sang auch der Chor des Leibniz-Gymnasiums, und der absolute Knüller war das Gespräch mit unserer damaligen Ministerin für Arbeit und Soziales im Land Brandenburg, Regine Hildebrandt. Wir hatten immer das Gefühl, ganz dicht am Geschehen dabei zu sein, denn da die ehemalige Montagehalle vom Umfang her überschaubar ist, ging nur eine begrenzte Besucherzahl hinein.

Ein bleibendes Erlebnis für uns, und auch damals hatten wir den Wunsch, dass diese Halle, der „Lokzirkus“, nicht abgerissen werden möge, wie so einiges nach der Wiedervereinigung. Lange Zeit diente der alte Ringlokschuppen noch dem benachbarten Studio Babelsberg als Atelier. In dem eingangs erwähnten Zeitungsartikel war zu lesen, dass der derzeitige Eigentümer dieses Gebäudes aktuell Partner sucht, die den Kuppelbau wieder mit Leben füllen. Wir drücken die Daumen, dass ihm das gelingt und ein Industriedenkmal in neuem Licht erstrahlen kann.

P.S.

Mein Wunsch ging in Erfüllung, denn ich las in der Zeitung „Blickpunkt“ vom 02.10.2020, dass der Lokschuppen denkmalgerecht saniert werden soll und das Hauptzollamt mit 540 Mitarbeitern einziehen wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 wird.