Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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MARIETA gEHLMANN

Frohe Fahrt ins Ferienlager

 

Am 8.Juli 1961 hielt ich mein Zeugnis in der Hand. Bis auf den Satz in der Beurteilung, dass sich meine Schwatzhaftigkeit nicht gelegt hatte, beendete ich die zweite Klasse ganz gut. Die großen Ferien standen vor der Tür, und meine Vorfreude auf die Fahrt in das Betriebsferienlager des VEB Lokomotivbau „Karl Marx“ Babelsberg, in dem mein Vater arbeitete, war riesig. Zum ersten Mal ohne Eltern verreisen! Ich war sehr aufgeregt und konnte es gar nicht erwarten, dass die Reise Anfang August endlich losging. Mit meinen acht Jahren war ich eines der jüngsten Kinder, die mit dem Sonderzug vom Bahnhof Potsdam-Babelsberg nach Dresden und dann weiter nach Rabenau ins Osterzgebirge fuhren, wo wir drei herrliche Ferienwochen verbringen durften. Vom Bahnhof der Kleinstadt liefen wir den Berg hinauf zu unserer Unterkunft; welche sich in einem ehemaligen Hotel befand. Oben in meinem Doppelstockbett hatte ich aus dem Fenster eine schöne Aussicht auf bergiges Land. Alles war interessant: die Wanderungen, unser Einsatz bei den örtlichen Bauern, als wir über Kartoffelfelder marschierten; um die schädlichen Kartoffelkäfer in unsere Gläser einzusammeln; und die Feste, die einmal pro Woche gefeiert wurden.

Mit uns zusammen war auch eine Gruppe Schülerinnen und Schüler in einem separaten Flachbau untergebracht. Anfangs sahen wir uns nur zum Essen. Dann lernte ich ein Mädchen, welches älter war als ich, näher kennen. Sie hatte Freude daran, meine langen Zöpfe zu flechten. Wir erzählten uns; wo wir herkommen, welche Berufe unsere Eltern haben und ob Geschwister daheim warten. Ihre Väter arbeiteten alle im Stahlwerk. Meine neue Freundin sagte, dass sie aus dem Ruhrpott kommt wie die anderen Kinder ihrer Gruppe auch, die sich auf die Ferien im Osten freuten. Sie waren, so wie ich, das erste Mal von zu Hause fort.

Eines Tages waren sie nicht mehr da, ich wartete vergeblich auf meine „Zopfflechterin“. Was war geschehen? Von einer Abreise war vorher keine Rede gewesen. Warum hatte sich meine Freundin nicht von mir verabschiedet? Ich konnte mir das nicht erklären, und von den Erwachsenen bekamen wir keine Antwort auf unsere Frage, warum die Gruppe aus Westdeutschland so plötzlich abgereist ist. Wieder bei den Eltern zu Hause erfuhr ich, dass am 13. August die Grenze der DDR zu Westberlin und Westdeutschland geschlossen worden war.

Bei der nächsten Fahrt in ein Ferienlager 1964 war ich 11 Jahre alt. Eine Schule in Bad Salzungen war für die Unterbringung von uns Ferienkindern vorbereitet worden. Besonders das Baden im Waldbad – ich hatte vor einem Jahr die zweite Stufe des Schwimmabzeichens erfolgreich abgeschlossen – und die Nachtwanderungen zählten hier zu meinen Favoriten. Im Thüringer Wald gab es zu dieser Zeit eine Unmenge Blaubeeren, die wir für den Blechkuchen sammelten, der zum Abschlussfest gebacken wurde. Ich erinnere mich noch an eine Begegnung mit einer Einheimischen. Als unsere Gruppe durch die Stadt ging, hielt sie mich an und fragte, ob wir aus Berlin kommen? „Wir sind aus Potsdam, ganz in der Nähe von Berlin, was wollen Sie denn wissen?“, antwortete ich ihr. „Ich hätte gerne gewusst, ob Du schon mal die Mauer (so wurde die Grenzanlage genannt, welche die Grenze des geteilten Deutschlands markierte) gesehen hast und mir sagen kannst, wie sie aussieht.“ Die Frage der Frau war verständlich, denn 1964, drei Jahre nach dem Bau der Mauer, gab es noch nicht in allen Haushalten einen Fernseher oder keinen Empfang der Sender in dieser Gegend. Ich hatte die Mauer schon in natura gesehen und konnte Auskunft geben: „Es ist eine Mauer aus Betonpfosten und länglichen Betonplatten dazwischen, davor ein Streifen Sand, wo die Grenzposten auf Wache stehen.“ Der anfängliche Zaun mit Stacheldraht der ersten Tage war nämlich in Berlin später nach und nach durch große, massive Betonelemente ersetzt worden.

Ein Jahr später verbrachte ich drei Ferienwochen in einem Pionierlager, die Fahrt ging nach Seifhennersdorf/Zittau. In dem Teilnehmerheft, das wir vor Reiseantritt erhielten und das ich noch heute besitze, steht: Pionierlager „Rosa Luxemburg“, Trägerbetrieb VEB Waggonbau Bautzen. Weiter ist zu lesen: „Lieber Pionier! Dieses Heft soll Dir einige Hinweise geben und später eine Erinnerung an die Ferienzeit im Pionierlager sein.“ Dort ist auch der Tagesplan des Lagers inklusive der Zeiten, die für die eigene Gestaltung zur Verfügung stehen, aufgeführt. Es gibt Fotos von der Einrichtung, und ich sehe, dass der Teilnehmerbetrag in Höhe von 17,- MDN (Mark der Deutschen Notenbank) von meinen Eltern bezahlt wurde. In diesem Pionierlager war ich zusammen mit meiner Freundin Bärbel, unsere Väter arbeiteten beide im Karl-Marx-Werk. Wir schliefen in dieser Zeit in einem 12-Mann-Zelt, verbrachten den Tag in einer gemischten Gruppe mit mehr Jungen als Mädchen, und es wurde einmal pro Woche eine Tanzveranstaltung organisiert. Mit fast 13 Jahren war das für mich natürlich spannend und auch wichtig, dass genügend Jungen als Tanzpartner zur Verfügung standen.

Im Pionierlager traten alle Gruppen am Ende unseres Ferienaufenthalts zum Abschlussappell an, bei dem auch die Sieger der sportlichen Wettkämpfe und des Sängerwettstreits prämiert wurden. Bei den Sängern hatte meine Freundin einen der ersten Plätze belegt – sie hatte gejodelt, obwohl sie nicht aus dem Harz oder aus Thüringen kam – und dafür ein Geschenk erhalten. Darüber freuten wir uns beide.

Kürzlich erkannte ich bei einer Recherche im Internet das große Gaststättengebäude in Rabenau wieder, das unsere Unterkunft bei meiner ersten Ferienfahrt 1961 gewesen war. Heute beherbergt es das Hotel „König Albert Höhe“, und ich könnte, wenn ich im Osterzgebirge Urlaub machen würde, ein Zimmer dort buchen und nach fast 50 Jahren meinen Erinnerungen aus der Kinderzeit nachgehen