Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"

       

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Oma Martha
Sonnabend war es, und deshalb schon am frühen Nachmittag, um drei
Uhr, Arbeitsschluss.
Meine Frau sollte mich abholen, so war es am Abend vorher besprochen
worden. Sie hatte schon früher Feierabend und wartete nun
draußen vor dem Werkstatteingang. Die Zeit, die uns bis zum Ladenschluss
blieb, wollten wir nutzen, um den Wochenendeinkauf zu erledigen.
Wenn dann noch ein paar Brot- und Zuckermarken übrig bleiben
sollten, konnten wir uns ein wenig Weihnachtsgebäck und Fondant, dieses
Konfekt aus Zuckermasse als „selbst bestimmte Sonderzuteilung“
genehmigen. Eigentlich müsste es ja klappen, war unsere Überlegung,
denn wir waren in den letzten Wochen sehr sparsam mit unseren Rationen
umgegangen. Draußen empfing mich nasskaltes Wetter. Große, schwere
Schneeflocken fielen aus den tiefgrauen, niedrig hängenden, Licht schluckenden
Wolken und verwandelten sich auf dem Straßenpflaster angekommen,
in Pfützen bildenden Matsch.
Mit einem flüchtigen Küsschen wurde ich begrüßt. Zärtlichkeiten in der
Öffentlichkeit mochten wir beide nicht. Aus ihren vom Schnee nassen
Haaren rannen ihr Wassertropfen ins Gesicht. Mich fröstelte und ich
schlug deshalb den Kragen meines eingefärbten Militärmantels hoch.
Von der Rosenthaler Straße, nahe dem Hackeschen Markt, wo ich arbeitete,
bis zur Markthalle in der Ackerstraße, war es kein weiter Weg.
In der Markthalle war es angenehmer als im Freien. Wenn auch nicht
warm, so blies einem doch nicht der unangenehme Wind die Nässe ins
Gesicht. Zuerst ging es zum Fleischer. Hier war es leer. Man merkte,
dass die Leute ihre Fleischmarken für die Festtage aufsparten. Das bisschen
Wurst, das wir uns gönnten, war schnell gekauft, denn auch wir
sparten für einen kleinen Weihnachtsbraten. Hin, nun zu den Gemüseständen.
Vielleicht gab es da was ohne Marken. Wir hatten großes Glück
und konnten nach längerem Anstehen noch ein paar Möhren ergattern.
Die Uhrzeit war schon vorgerückt, und wir mussten uns beeilen. Noch
schnell zum Bäckereistand, um ein Brot und Lebkuchen zu kaufen.
Nein, dieser Lebkuchen, das waren nicht die Schokoladen überzogenen
Herzen, Brezeln oder Sterne. Das war ein Blechkuchen, dessen Teig
Rübensirup zugesetzt wurde und fertig gebacken in Streifen und Portionsstücke
geschnitten worden war. Die Bäckersfrau reichte uns das
Brot und eine kleine Tüte mit dem Lebkuchen über den Ladentisch. Ich
nahm es entgegen, während Lilo in ihrer Tasche nach Geld und unseren
Brotkarten suchte. Ihr Herumwühlen in der Einkaufstasche wurde
immer nervöser, und dann stellte sie, das Weinen nur mit Mühe unterdrückend
fest, dass die Marken fehlten. Verlegt oder verloren, vielleicht
sogar entwendet? Schreckensbleich wollte ich Brotlaib und Kuchenstückchen wieder
zurückgeben. Ich konnte es auch später nicht erfahren, warum Martha Ruthenberg,
so hieß die Inhaberin des Brotstandes, mir beides mit den Worten: „Nun
behaltet es mal, ihr werdet mir die Marken schon noch bringen“, nicht
abnahm. Waren es unsere schmalen Gesichter, unsere Jugend oder das
uns der Schreck sichtlich durch den Körper gefahren war? Jedenfalls
bekundete sie uns mit ihrem Tun auch ihr Vertrauen, das wir nicht missbrauchten.
Wir sahen uns bald öfter, nicht nur am Brotstand, sondern auch in der
Ruthenberg’schen Wohnung im dritten Stock, im Hinterhaus einer Mietskaserne
in der Ackerstraße. Mit der Zeit entwickelte sich ein herzliches
Verhältnis zu Martha Ruthenberg und ihrem Mann Richard. Uns näher kommend,
erfuhren wir Marthas Lebensgeschichte. Kinder hatten die
Ruthenbergs nicht, obwohl sie gerne welche gehabt hätten. Als Martha
eine junge Frau war und Kinder hätte gebären können, wurde sie
1934 verhaftet, ins Zuchthaus geworfen und dann nach Ravensbrück
„überbracht“. Den Begleitpapieren war, wie sich später herausstellen
sollte, ein Vermerk beigefügt: „Rückkehr unerwünscht!“ Angeklagt worden
war Martha Ruthenberg wegen politischen Widerstandes, man hatte
Flugblätter der illegalen KPD bei ihr gefunden und Hochverrat. Dank
der Solidarität ihrer Lagerkameradinnen überlebte sie. Als die Rote
Armee das Konzentrationslager Ravensbrück befreite, war Martha so
geschwächt, dass selbst die Ärzte an einer Gesundung zweifelten. Aufopferungsvoll
pflegte Richard in dieser schweren Zeit seine Martha. Als man sie ihm wegholte war
sie eine stattliche Frau gewesen. Bei ihrer Befreiung wog sie nur noch 86 Pfund. Aus
Bekanntschaft wurde Freundschaft, aus Freundschaft Zuneigung. Es war eine warme
Mütterlichkeit, die von Martha ausging.
Während einer traulichen Abendstunde im Advent, die wir wieder einmal
bei den Ruthenbergs verlebten, geschah es, dass Martha mich beiseite
nahm: Wollt ihr euch denn überhaupt nichts Kleines anschaffen“,
fragte sie leise, „ich würde für eure Kinder sehr gerne eine Oma sein. Lange
habe ich dazu nicht mehr Zeit.“
Die schwierigen Bedingungen, mit denen wir fertig werden mussten und
der Umstand, dass ich inzwischen ein Studium als Gewerbelehrer aufgenommen
hatte, ließen in mir keine Vatergedanken aufkommen.
Dann, etwa zwei Jahre später, als Lilo doch schwanger war, die eigene
Mutter hätte sich nicht besser und liebevoller um sie kümmern können
als Martha es tat. Sie gehörte zu den Ersten, die die Wöchnerin besuchten
und erfuhr so von den doppelten Omafreuden, die auf sie zukommen
würden. Wie strahlten ihre Augen vor Glück, als wir ihr erst das Mädchen und
dann den Zwillingsjungen in die Arme legten. Tränen der Freude liefen
über ihre Wangen. Neben seiner Frau stand Richard. Sanft über deren
Haar streichelnd meinte er: „Nu heule man nich, jetze bist de ja Oma.“
Ganz aufgeregt war sie, als sie den Beiden zum ersten Mal das Fläschchen
gab. Oma Martha war für ihre Krümel immer zur Stelle um sie zu verwöhnen
oder sie zu betreuen. So wie sie die Zwillinge liebte, war ihr dann auch
das dritte Enkelchen ans Herz gewachsen.
Die Zeit verging, und wieder war es Advent geworden. Muss ich da
eigentlich noch verraten, dass Oma Martha in der Vorweihnachtszeit
sooft bei ihren Geistern war, wie es nur ging? Mit Zwillingsmädchen
Karin musste sie scheinbar etwas vorhaben. Nicht dass sie Detlef oder
Klein-Carola vernachlässigte. Es schien, dass sie mit der Dreijährigen
etwas Besonderes plante.
Es sollte auch nicht lange dauern, bis wir gewahr wurden, was Karin
und Oma Martha für ein Geheimnis hatten.
Weihnachtsfeier der Volkssolidaritätsgruppe, in der Martha den Vorsitz
führte. Meine Familie war zu der Feier eingeladen worden. Gedichte
wurden vorgetragen und Lieder gesungen. Ein Wink von Oma, Karin
ging zum Weihnachtsbaum und stellte sich dort in Positur. „Ich bin klein,
mein Herz ist rein“, hörte ich sie sagen. Längere Pause. Sollte die sonst
so atheistische Oma Martha diese religiös gestimmten Verse der Kleinen
beigebracht haben? Etliche der Anwesenden begannen schon den
bekannten Text erwartend, das kleine Mädchen, das scheinbar sein
Sprüchlein vergessen hatte, zu bemitleiden. Ein erneutes Zeichen von
Oma Martha. Karin wiederholte nun leise sprechend die Worte: „Ich bin
klein, mein Herz ist rein“, und dann sprudelte es aus ihrem Mund: „Mein
Po ist schmutzig, ist das nicht putzig?“ Allgemeine Heiterkeit!
Zur Ehrenrettung für Oma Martha möchte ich ergänzen, dass Karin ein
Weilchen später noch ein anderes, längeres Weihnachtssprüchlein aufsagte.
Ihre Wahlenkel konnten noch einige Weihnachtsfeste mit ihrer Oma Martha
verleben. Doch dann kam der Tag, wo es hieß, für immer von ihr
Abschied nehmen zu müssen.