Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"

       

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Tausche „Schornsteinfeger“ gegen „Müller“

Ich ging schon fast ein ganzes Jahr zur Schule, als unser Dorf

heimtückisch überfallen wurde. Es war Mai, und Myriaden von

Krabbeltieren mussten tagtäglich von den Blättern unserer Laubbäume

beköstigt werden. Es summte und brummte und krabbelte allen Ortes.

Für uns Kinder war das ein riesiger Spaß, für die Erwachsenen aber

nicht. Es machte keine Mühe, die Maikäfer zu fangen, sie saßen einfach

nur da und fraßen Bäume und Hecken kahl. Mit Pappschachteln

ausgerüstet machten wir uns auf die Jagd, fingen die Unruhestifter ein

und verschlossen sie in den kleinen Behältnissen, in die wir vorher

Löcher gebohrt und Blätter gelegt hatten. Da hatten es die Maikäfer

richtig gut. Wir nahmen sie sogar in die Schule mit, wo sie von mehreren

Kindern intensiv betrachtet und nach den Kategorien „Schornsteinfeger“

–die dunklen Exemplare- und „Müller“- die hellen Exemplare- eingeteilt

wurden. Dann begannen die Tauschgeschäfte. „Müller“ gab es nur

selten, aber jeder musste unbedingt wenigstens einen haben. Dafür

„bezahlte“ man mit zwei oder drei dicken Waldmaikäfern oder ein paar

dünnen Feldmaikäfern.

Nach ungefähr zwei Wochen wurde die offizielle Jagd auf die krabbelnde

Plage eröffnet. Lehrer, Eltern und natürlich wir Kinder machten uns auf

den Weg zum Sportplatz. Eine wunderschöne schattige Allee führte

dorthin; nur dass die Allee jetzt gar nicht mehr wunderschön aussah, weil

von den Blättern gerade noch die Gerippe übrig waren.

Die Erwachsenen schüttelten kräftig die Bäume und Massen von Käfern

verloren das Gleichgewicht. Sie wurden gefangen und in Eimern

gesammelt, die sofort mit Deckeln verschlossen wurden, damit sie nicht

ausreißen konnten.

Später, zurück im Dorf wurden die Eimer in die riesigen Aschebehälter

hinter der Schule entleert und Feuer angezündet. Die armen Käfer

verbrannten ziemlich Geruchs- und Rauch intensiv und wir Kinder waren

traurig. Aber gleichzeitig waren wir auch froh, wenigstens einen

„Schornsteinfeger“ und einen „Müller“ in der Pappschachtel gerettet zu

haben.

War unser Dorf schon 1955 schuld daran, dass es heute kaum noch

Maikäfer gibt?