Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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VOLKER LUKAS

Der 50. Geburtstag

Es war der 13.04.2020. An diesem Tag bin ich 72 Jahre alt geworden und hätte normalerweise mit meiner Frau Heidi, unseren zwei Kindern sowie fünf Enkeln gefeiert. Wir hätten in einer Gaststätte Mittag gegessen und auch den Rest des Tages gemütlich verlebt. Alles ging nicht wegen eines kleinen Virus, das die Welt in Atem hält. Sein Name ist Corona. Also saßen Heidi und ich alleine in unserem Garten, hatten eine Feuerschale angezündet und eine Flasche Sekt getrunken. Wenn man dann so in die Flammen schaut, werden meist Gedanken an die Vergangenheit wach. Diesmal sprachen wir aber über die Fernsehsendung „Let`s Dance" von RTL. Es ist die einzige Sendung, die wir auf diesem Sender schauen. Hier tanzen 12 Profitänzer mit prominenten Tanzlaien. Jede Woche zeigen die Paare einen anderen Tanz, der von drei Juroren bewertet wird. Am Schluss der Sendung muss das Paar mit den wenigsten Punkten ausscheiden, wobei auch die Telefonanrufe der Zuschauer mit ausschlaggebend sind. Ist die Staffel beendet, wird ein Sieger gekürt. Während in anderen Jahren (diese Sendung läuft schon etliche Jahre immer im Frühjahr) vor Publikum getanzt wurde, bleiben die Sitze 2020 leer, und die Juroren sind mit durchsichtigen Plastewänden voneinander getrennt. Warum? Der Grund dafür heißt Corona oder COVID-19.

Im DDR-Fernsehen gab es auch Sendungen, die Tanzen zum Inhalt hatten. Hier wurden aber Turniertänze übertragen, also Tänze von Profipaaren. Bereits diese Sendungen hatte meine Frau mit großem Interesse verfolgt, weil sie in ihrer Jugend eine „Tanzmaus" war. Und zu dieser Zeit hatte sich bei ihr ein typischer Mädchenwunsch herausgebildet: Sie wollte einmal ein Turniertanzkleid mit viel Tüll anziehen – nur anziehen…

Im Jahr 1999 stand der 50. Geburtstag von Heidi an, und ich wollte zu diesem Anlass für sie etwas Besonderes organisieren. Ihr Wunsch, einmal ein Tanzkleid anzuziehen, sollte Wirklichkeit werden. Das musste fast 10 Jahre nach der Wende doch realisierbar sein. Ich erzählte meiner Sekretärin – ich war zu dieser Zeit Rechtsanwalt – von meinem Plan. Sie war vor der Wende im DEFA-Studio tätig gewesen und meinte gleich: Wir rufen den Kostümfundus an. Das war leider erfolglos. Die nächste Idee: Der Friedrichstadtpalast kann uns helfen. Ich sprach mit einer sehr netten Dame, die, nachdem ich meinen Wunsch erklärt hatte, von mir die Kleidergröße meiner Heidi wissen wollte. Ich sollte auch die Bundweite eines ihrer Röcke messen und sie dann anrufen. Heimlich tat ich es. Meine Frau ist weder superschlank noch korpulent oder dick, also ganz normal gebaut. Der Anruf bei der netten Dame hatte auch nicht den erwünschten Erfolg. Die Mädchen vom Ballett waren alle schlanker als Heidi. Ich war enttäuscht, zumal ich keine weitere Idee hatte. Meine Sekretärin, von der Realisierung des Planes gepackt, ließ aber nicht locker. Sie recherchierte weiter und überraschte mich eines Tages mit dem Hinweis: Im Westen Berlins gibt es einen privaten Verleih von Tanzschuhen, der auch Tanzkleider verleiht. Nach dem entsprechenden Anruf war ich am Ziel.

Natürlich erhielten unsere Töchter von allem einen Bericht. Claudia, die ältere, meinte: „Papa, wenn Mutti nun das Kleid hat, muss sie damit auch tanzen." Die Idee war gut, ihre Realisierung bereitete aber weitere Probleme. Meine Sekretärin verband mich telefonisch mit vielen Tanzschulen. Kein Inhaber wollte sich Extrageld verdienen. Dann meldete sich am anderen Ende der Strippe die Tanzschule „Aladin". Enttäuscht sagte ich: „Oh, sie lehren ja wohl nur Bauchtanz, da bin ich falsch." Eine Frau, die Besitzerin, erwiderte: „Na, sagen Sie doch erst einmal, was Sie wollen." Nachdem ich meine Geschichte abgespult hatte, hörte ich: „Bei uns sind Sie richtig. Mein Mann und ich sind Turniertänzer, und er würde sich freuen, hier Tanzpartner Ihrer Frau zu sein." Der Rest war schnell besprochen: Passend zu dem Kleid von Heidi kommt er im Frack. Sektgläser für unseren Krimsekt sind auch ausreichend vorhanden. Die große Überraschung konnte also starten.

Zunächst flogen wir aber anlässlich des 50. Geburtstages meiner lieben Frau in den Westen der USA und schauten uns im Rahmen einer Busreise das Land an. Das war ein langgehegter Wunsch von uns, den wir nun – etwa zehn Jahre nach der Wende – erfüllen konnten. Am 13.05.1999, dem Geburtstag von Heidi, waren wir in Las Vegas. Alle dortigen Hotels sind so konzipiert, dass man beim Betreten des Gebäudes erst durch den Spielsalon muss, bevor es zur Rezeption geht. Nach dem Einchecken gingen wir an den Roulettetisch, weil Heidi nicht nur eine „Tanzmaus" ist, sondern auch gerne spielt, aber noch nie beim Roulette war. Wir kauften für 20 Dollar Jetons, und das Spiel konnte beginnen. Vorsichtig setzte meine Frau geringe Beträge. Sie gewann und verlor. Dann wurde sie übermütig und setzte alles auf die 13. Diese ihre Glückszahl gewann, und 200 Dollar wanderten in die Tasche des Geburtstagskindes. Um nicht in den Spielrausch abzugleiten, hörte sie auf. Das Glücksgefühl war ungeachtet dessen sehr hoch. Das war ein schönes Geburtstagsgeschenk! Und unsere Überraschung wartete ja auch noch auf sie…

Nach dem Ende der Reise, wieder in unserer Heimatstadt Potsdam zurück, verabredeten wir uns beide kurze Zeit später, um nach Arbeitsschluss in den Westen von Berlin zu fahren. Meine Frau wollte wissen, ob sie sich fein anziehen solle, da ja noch eine Überraschung ausstand. Meine Antwort war: „Nein". Ich glaube, sie war ein wenig enttäuscht. Nach unserem Treffen fuhren und fuhren wir in dem unbekannten Westberlin umher, bis ich plötzlich ein kleines Schild mit dem Hinweis „Tanzschuhverleih" entdeckte. Ich war froh, Heidi verwirrt. Die Inhaberin des Verleihs empfing uns freundlich. Es folgte eine kurze Absprache, und meine Frau schlüpfte in das Tanzkleid. Sie stand vor dem Spiegel, drehte und wendete sich, während die Tränen der Freude nur so kullerten. Sie war überglücklich. Leider machte die Verleiherin einen Fehler. Sie sagte plötzlich: „Ich habe eine Bitte: Wenn Sie dann mit dem Kleid tanzen, ziehen Sie es bei der Probe noch nicht an." Verständnislos schaute mich meine Frau an, und ich musste leider schon jetzt verraten, dass sie mit diesem Kleid noch tanzen wird. Ihre Tränen flossen erneut.

Nun kam der große Tag. Die Inhaber der Tanzschule begrüßten uns, gut gekleidet, herzlich. Nach einem Schluck Krimsekt und dem Umkleiden von Heidi ertönte die Musik. Ihr Tanzpartner im Frack sprach die Schrittfolge kurz mit ihr ab, und beide bewegten sich, als wenn sie schon jahrelang zusammen getanzt hätten, anmutig nach den Takten, egal, ob es nun Wiener Walzer, langsamer Walzer, Foxtrott oder etwas Anderes war. In einer kurzen Pause, wo die durstigen Kehlen nochmals mit Sekt angefeuchtet wurden, meinte meine Angetraute etwas atemlos: „Das ist der schönste Tag in meinem Leben." Eine ganze Stunde lang wurde das Tanzbein geschwungen.

Beim späteren asiatischen Mittagessen hörte ich noch von einem Kompliment des Tanzlehrers. Er hatte meine Frau gefragt, wie oft sie im Monat tanze und ob sie in einem Tanzverein sei? Nach ihrer Antwort, dass sie höchstens einmal im Jahr tanzen gehe und in keinem Verein sei, war er sehr erstaunt und meinte: „Ich dachte, dass Sie ein halber Profi sind."

Auch diese Geschichte war bei der Feuerschale im Garten am 13.04.2020 Gegenstand unserer Erinnerungen, und Corona blieb vor dem Gartentor.