Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"  

                                                   

 

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VOLKER LUKAS

Die „Seebärin"

Es ist der 14.10.2020, und Regen fällt mehr oder weniger den ganzen Tag. Das freut den Kleingärtner, der ich bin, und die Natur, zumal der diesjährige Sommer, das dritte Jahr in Folge, viel zu trocken war. Es bietet sich also an, mal etwas über Wasser zu schreiben bzw. eine Geschichte zu erzählen, bei der dieses Element eine große Rolle spielt.

Wasser oder auch Meer und Seebären gehören für mich zusammen. Der Seebär ist ein wind- und wettergestählter, breitschultriger Mann mit Vollbart, der auf einem schwankenden Fischkutter zu jeder Tages- oder Nachtzeit seinen Fang einholt und verarbeitet. Meine Frau Heidi ist nicht nur wegen des fehlenden Bartes weit von diesem Symbol des Seebären entfernt. Sie muss sogar schon aufstoßen, weil ihr Magen rebelliert, wenn sie über einen schwankenden Bootssteg am See läuft. Daraus folgt, dass Schiffsreisen bei unserem Drang, nach der Wende die große Welt zu erkunden, zunächst indiskutabel waren. Nun wollten meine Frau und ich uns aber 2010 Alaska (Nordamerika) ansehen. Vor uns lag das Angebot zu einer kombinierten Reise nach Südwest-Kanada und Alaska. Durch Kanada sollte es mit einem Bus gehen, nach Alaska mit dem Schiff. Da die Seereise durch die Inside Passage verlaufen sollte, also zwischen Inseln und Festland hindurch geschippert wurde, konnte ich Heidi von diesem Unternehmen überzeugen. Als Argumente waren entscheidend: „Es ist ein großes Schiff (für 3000 Passagiere), das nicht schwanken kann. Zwischen den Inseln und dem Festland können sich keine großen Wellen entwickeln."

Gesagt, getan, die Reise wurde gebucht und durchgeführt. Sie war wunderschön, auch wenn der Dampfer hin und wieder schaukelte. Seekrank wurde meine mir Angetraute nicht. Die Tür für weitere Seereisen hatte sich geöffnet.

Was ist noch interessanter als Alaska? Für uns war es die Antarktis. Die Reise wäre in Buenos Aires gestartet. So weit wollte Heidi wegen ihrer nun schlimmer gewordenen Rückenprobleme nicht mehr fliegen. Deswegen buchten wir ein Schiff. Dieses startete auf Teneriffa, es ging dann über den Atlantik bis Nordbrasilien und in der Folge die Küste dieses großen Landes entlang bis Buenos Aires. Das war ein langer Weg. Was sprach für diesen? Es war das Schiff, die „MS Hamburg" mit 400 Passagieren, also sehr gemütlich im Vergleich zu dem großen Dampfer, der uns nach Alaska brachte. Wir kannten die „Hamburg" von einer anderen Reise, bei der es einen großen Wohlfühlfaktor gegeben hatte. Und letztlich: Der Flug bis Teneriffa war ein Klacks.

Also reisten wir am 5.12.2012 – bei uns im Winter – ab, um am 30.12.2012 die Antarktis – wo in dieser Zeit dort Sommer ist – zu erreichen. Auf dem Atlantik war das Wetter fantastisch, die See lag überwiegend ruhig zu unseren Füßen. Windstärke 5-6, die auch vorkam, bei der die Wellen Schaumkämme trugen, hat Heidi geradezu ignoriert. Es ging ihr gut, und wenn das der Fall war, ging es mir auch gut. Abends saßen wir bei 25 Grad Celsius an Deck und tranken einen „Sundowner", ein alkoholisches Getränk zum Sonnenuntergang. Auch nach diesem blieb die Kehle nicht trocken.

Weihnachten kam. Das Schiff war festlich geschmückt, natürlich auch mit einem Weihnachtsbaum, und es gab ein Festessen. Die Passagiere hatten sich dementsprechend angezogen, und auf dem Tisch lagen neben dem Teller mehrere Messer sowie Gabeln, kleine und große. Die einzige Aufgabe bestand darin, uns von außen nach innen durch das Besteck zu kämpfen, natürlich jeweils mit anderen Speisen: Vorspeise, Suppe, Zwischengang, Hauptgericht und Dessert. Danach gab es eine Galaveranstaltung, bei der die Künstler, die aus verschiedenen Ländern kamen, ihre Weihnachtsritualien beschrieben. Es war sehr beeindruckend sowie berührend. Im Anschluss daran fuhren Heidi und ich mit dem Fahrstuhl zum Deck 6, dem Außendeck, auf dem auch die Raucher ihrem Laster frönen konnten.

Auf diesem Deck gab es in der Mitte einen Pool, neben dem sowohl links als auch rechts Tische und Stühle standen, die wir abends sowie nachts bei der Atlantiküberquerung, aber auch sonst genutzt hatten. Diese wurden jetzt durch das Schiffspersonal zusammengestellt und mit Stricken festgezurrt. Als wir den Gang entlang zu unserer Kabine gingen, um uns zur Nacht niederzulegen, hingen an den Laufstangen, die zum Festhalten genutzt werden konnten, in gewissen Abständen Beutel mit „Spucktüten". Die „Hamburg" wurde also für eine Sturmfahrt gerüstet. Der letzte Blick auf den Ozean vor der Nachtruhe zeigte Wellen mit Schaumkämmen, also Windstärke 5-6, die uns jedoch nicht tangierte.

In der Nacht sah es anders aus. Heidi und ich lagen in den Kojen. Diese rutschten durch die Schiffsbewegung – bedingt durch den Wellengang – nach vorn und hinten. Ich stellte etwas zwischen Wand und Bett, sodass das Rutschen verhindert wurde. Ruhe bekamen wir trotzdem nicht, weil man, je nach dem Schwanken des Schiffes, den Eindruck hatte, im Bett zu sitzen, oder es wurden einem die Beine nach oben gehoben, und der Kopf sank nach unten. Der Sturm sang dazu sein eigenes Lied. Der Dampfer knarrte und ächzte. Wurde er mit der Welle emporgehoben, stürzte er Sekunden später ins Wellental. Dabei erzitterte der Rumpf des Schiffes, und es entstand der Eindruck, dass es jeden Augenblick zerbrechen könnte. Die Nacht war für uns nicht sehr erquickend.

Am kommenden Tag war der Speisesaal nicht gut besucht. Die meisten Leute hatten offensichtlich keinen Hunger, weil sie seekrank waren. Heidi und ich aßen mit Appetit. Nach dem Frühstück musste geraucht werden. Auf Deck 6 angekommen, standen schon zwei Raucher in der Ecke. Heidi wollte sich dazustellen, als es wieder – von einer Welle ausgelöst – einen kräftigen Hieb gab und sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Die Raucher halfen ihr zu einem sicheren Stand in der Ecke. Was sagte sie da: „Ja, das ist richtig, Jungs, eine Hand für das Schiff und eine für die Zigarette." Großes Gelächter! Der Originalspruch lautet hingegen: „Eine Hand fürs Schiff und eine für das Leben." Ich glaube, das muss nicht weiter interpretiert werden.

Bis zum Mittag verbrachten wir die Zeit auf Deck 6 in der „Palmbar" mit Blick auf den Bug des Schiffes. Die Windstärke betrug 9-10. Die Wellen hatten keine Schaumkronen mehr, weil diese durch den Sturm weggeblasen wurden. Es war nur noch Gischt über den meterhohen Wasserbergen. Wieder und wieder erklomm die „Hamburg" diese und klatschte dann ins betonharte Wellental. Beim Aufkommen auf den Ozean erzitterte wiederum das ganze Schiff. Stieß der Bug in die nächste Welle, spritzte das Wasser in einem Schwall bis auf Deck 6 (vergleichbar mit dem 6. Stock eines Hauses). Und so ging es Stunde um Stunde. Ein schauriges Schauspiel, für das es keine Worte gibt, das aber unvergessen bleibt. Ich machte viele Fotos und trank dazu auch einige Bier. Heidi trank „Aperol Spritz", einen Aperitif. Es ging ihr sehr gut. Als wir uns in der Kabine zum Mittagessen vorbereiteten, drückte ich sie und meinte: „Jetzt bist du ein Seebär, nein, eine Seebärin."

Das Mittagessen, obwohl es der zweite Weihnachtsfeiertag war, sah ganz anders aus als am Vortag. Kein Galagedeck, nur einmal Messer sowie Gabel, keine Wein- oder Biergläser, nur Pappbecher. Wer sich Wein bestellte, musste die Flasche festhalten, weil sie sonst auf dem Tisch hin und her rutschte. Das Essen wurde auf Papptellern serviert. Trotz des Sturmes liefen die Kellner mit großen Tabletts umher, um es zu bringen. Ich bewunderte sie. Dann gab es wieder einmal einen Wellenhieb. Im Essensaal waren Säulen, an denen sich kleine Schränke befanden. Einer dieser ging durch den Hieb auf, und das darin befindliche Geschirr stürzte polternd auf den Boden. Trotzdem haben uns das Essen und die Getränke gut gemundet.

Auf der weiteren Fahrt zu den Falklandinseln beruhigte sich der Sturm. In der Folge durchfuhren wir die Drake Passage, die gefährlichste Wasserstraße der Welt, die eigentlich für ihre Stürme bekannt ist. Das Wasser war ruhig. Auch vor der Antarktis begrüßte uns die See sanft und fast liebevoll. Die Rückfahrt nach dem in Argentinien gelegenen Ushuaia – der südlichsten Stadt der Welt – verlief auch ohne Probleme. Leider war der Heimflug mit 18,5 Std. reine Flugzeit noch einmal etwas stressig. Heidi hat ihn trotz ihres geschädigten Rückens gut überstanden. Zu Hause waren wir nur noch stolz: Heidi auf ihre Seetüchtigkeit und ich auf meine „Seebärin."

Aber die Wetterextreme in der Geschichte (drei zu trockene Sommer in Folge und der Sturm) zeigen auch, dass jeder Mensch entsprechend seinen Möglichkeiten etwas gegen die weitere Erderwärmung tun muss, weil diese die Extreme nur noch vergrößert und vermehrt.