Seniorenbeirat der Landeshauptstadt Potsdam   Arbeitsgruppe "Zeitzeugen"

       

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Vom Muss, geboren zu werden
Warum es ausgerechnet der 21. April des Jahres 1928 sein
musste, an dem ich das so genannte „Licht der Welt“ zu
erblicken hatte, konnte mir bis heute noch niemand sagen.
Eigentlich wollte ich es gar nicht, dieses auf die Welt kommen,
fühlte ich mich doch dort, wo ich bis zu jenem Tag verweilte,
recht wohl geborgen, und meiner Meinung nach auch gut
aufgehoben. Was aber sollte ich da draußen, in dieser Welt,
von der, was ich bisher in Erfahrung brachte, nichts Vernünftiges
zu erwarten war.
Warum nur dieses Drücken und Drängen, warum diese Gewalt,
durch die ich ohne Erbarmen in das Erdenleben befördert werden
sollte. Eine derartige Behandlung musste dazu führen, dass
sich mein Widerspruchsgeist zu regen begann und ich partout
nicht einsehen wollte, warum ich weichen sollte.
Arme Mutter, verzeihe, dass ich dir so viele unnötige Schmerzen
bereitete, Ich habe es nicht besser gewusst. Da ich, was
ich nicht wissen konnte, den unnatürlichen Widerstand gegen
mein Geborenwerden nicht aufgab, schienen meine Widersacher
jetzt Willens zu sein, kurzen Prozess zu machen. So vernahm
ich, wie eine männlich-barsche Stimme, sie gehörte zu
Dr. B., sagte: „Nun ist es aber genug. Wir werden ihn holen!“
Gesagt - getan. So wurde meine „Mussgeburt“ eingeleitet. Mit
einem Folterinstrument, das ich 24 Jahre später vor Chirurgiemechaniker-
Lehrlingen als „Geburtenzange“ bezeichnen werde,
zog man mich beim Einsetzen dieser so genannten Wehen
unnachgiebig in diese Menschenwelt hinein.
Eine derbe stämmige Frau, Hebamme genannt, ergriff mich,
fasste mich bei den Fußgelenken und ließ mich kopfunter hängen.
In dieser Situation mag ich wohl einem abgehäuteten Karnickel
mehr geglichen haben als einem kleinen Menschenkind.
So behandelt zu werden empörte mich. Ich beschloss, diese
unfreundliche, garstige Person mit meiner Verachtung zu bestrafen
und sie weder mit einem Wort, noch mit einem Blick zu
würdigen. „Wirst du jetzt wohl einen Ton von dir geben“,
schimpfte sie auf mich ein. „Na warte“, dachte ich bei mir „so
wie man hier behandelt wird, kannst du lange darauf warten“.
Ich kam noch nicht einmal dazu, diesen Satz zu Ende zu denken,
als es auf meinen nackten und zarten Allerwertesten kräftig
klatschte. Erbost und vergnatzt über solch einen Umgang mit
Kleinstkindern, wollte ich mich gänzlich verweigern. Mein Beleidigtsein,
ausgedrückt durch hartnäckiges Schweigen, schien
diese Frau überhaupt nicht zu berühren, denn wieder landeten
einige kräftige Klapse auf meinen armen Popo. Ein dicker Finger
fuhrwerkte, warum auch immer, in meinem Mund herum.
Und wieder machte mein Hinterteil mit der Hand der Hebamme
Bekanntschaft.
Jetzt war es mit meiner überaus großen Beherrschung vorbei.
Mit hochrotem Gesicht schrie ich meinen Zorn über solch
einen schmählichen Umgang mit meinem „Ego“ in die Welt hinaus.
„Wartet ab“, dachte ich rachsüchtig, „ihr werdet noch alles
bereuen und meines Schreiens und Heulens überdrüssig werden.
Das verspreche ich euch, so wahr ich hier hänge!“
Kaum, dass ich diese Tortur überstanden hatte, erwartete mich
bereits eine neue Überraschung. Man steckte mich in eine mit
Wasser gefüllte Schüssel. Baden nannte man das. Nicht nur ,
dass mein ganzer Körper nass wurde. Zu allen Übeln, die ich
über mich ergehen lassen musste, fuhr diese Hebamme mir
auch noch mit einem nassen und wabbligen Ding, Schwamm
sagte man dazu, über das Gesicht. Vor Nässe nur so triefend
wurde ich auf ein Badetuch gelegt, mit dem, so schien es, mir
die Haut vom Leib gerubbelt werden sollte. Nach dieser Prozedur,
Abtrocknung hieß das wohl, zog man mir, obwohl meine
eigene Haut noch fest an mir haftete, eine zweite über. Später
lernte ich, dass dies keine weitere Haut, sondern Hemdchen
und Jäckchen waren. Nun wurde mir noch ein dünnes Tüchlein
zwischen den Beinen hindurch gezogen und um Hintern
und Bauch geschlungen. Damit aber noch nicht genug. Zusätzlich
packte man mich noch in ein Flauschtuch ein und umwickelte
das alles mit einem breiten, gestrickten Wickelband von der
Brust bis zu den Füßen. So erfuhr ich, was ein Wickelkind ist.
Ich muss gestehen, so fest verschnürt fühlte ich mich mehr
als eine Mumie von Kleinstformat.
Völlig erschöpft von dem, was ich erleben und mitmachen
musste, schloss ich müde geworden meine Äuglein.
Schon im Halbschlummer, dachte ich bei mir: „Wenn das die
viel gepriesene Welt ist, na dann Dankeschön“.